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Ein Fisch verändert die Welt

Entebbe, Uganda, eine alte ostafrikanische Kolonialstadt an den Ufern des Victoriasees. Die Landebahn des Flughafens, der 1976 durch die Entführung einer französischen Passagiermaschine traurige Berühmtheit erlangte, erstreckt sich tief in den See. Von hier aus "schwimmt" ein Fisch in die ganze Welt.

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Die Menschen, die rund um den Viktoriasee leben, können sich nur die Fischabfälle leisten. Foto: John Mubiri John Mubiri

Mit fast 70.000 km2 - das ist etwa so groß wie Österreich ohne Tirol und Vorarlberg - ist der Viktoriasee der größte Süßwassersee der Welt. Der Fischfang hat seit jeher seine Bedeutung als wichtige Einnahme- und Nahrungsquelle. Fisch dient für die Menschen am See auch als einzige Proteinquelle, denn in dieser Gegend kann kein Vieh gehalten werden. In den feuchten Wäldern rund um den See ist die Tsetsefliege weit verbreitet, die unter den Menschen die Schlafkrankheit überträgt. Beim Vieh verursacht das Insekt die Tierseuche Nagana.

Nilbarsch vertreibt den Buntbarsch

Die wahre Katastrophe von Entebbe ereignete sich still und leise bereits 1962. Damals setzten die Kolonialherren 35 Exemplare des Nilbarsches im Viktoriasee aus. Dieser ist größer und ertragreicher als der dort heimische Buntbarsch, zur Freude der britischen Petrijünger. Der unbedachte Eingriff veränderte in der Folge das komplette ökologische und soziale Gefüge dramatisch.

Ohne natürliche Feinde konnte sich der heute Viktoriabarsch (Tilapia) genannte Fisch ungehindert ausbreiten. Die rund 400 heimischen Fischarten sind fast alle ausgestorben, der Gehalt an Stickstoff- und Phosphat im See ist drastisch gestiegen, der Sauerstoffgehalt sinkt kontinuierlich.

Riesige Fischereifabriken entstanden um den See

Die explosionsartige Ausbreitung des Fisches bewirkte, dass sich riesige Fischereifabriken rund um den See ansiedelten. Mit finanzieller Unterstützung von EU und Weltbank entstand eine Industrie mit über 100 Millionen US Dollar Exportvolumen. Damit hat der Fisch den traditionellen Exportgütern Ugandas wie Kaffee und Baumwolle längst den Rang abgelaufen. Mehr als eine halbe Million Menschen arbeiten direkt und indirekt im Fischfang, sie arbeiten für oft weniger als einen Euro am Tag. Zum Vergleich: Ein Kilo Viktoriabarsch kostet 2 Euro. Der Großteil der Bevölkerung kann sich also den Fisch nicht leisten.

Doch Not macht erfinderisch. Händler sammeln die Abfälle aus den Fischfabriken - Köpfe, Gräten und Schwanzflossen - und verkaufen diese auf den lokalen Märkten. Bei jeder neuen Lieferung rangeln sich die Frauen um die besten Stücke aus dem Abfall, um für ihre Familie daraus ein Mahl zu bereiten. Der Fischkopf ist natürlich für den Herrn des Hauses reserviert, Frauen und Kinder müssen sich mit dem Rest des Fischskelettes begnügen.

Die Fischer selbst sind oft wochenlang rund um die Uhr am See. Sie leben auf den Fischkuttern und haben meist kein festes Zuhause. Gehen Sie an Land, geben sie ihren Sold für Mädchen aus, die schon an den Docks auf sie warten. Armut, Prostitution, AIDS und Tod sind die Folge einer katastrophalen Entwicklungspolitik. Die Gier nach Devisendollar hat aus einem großen Teil der Gesellschaft Sklaven gemacht, die ihre Lebensmittel für die reichen westlichen Märkte aufbereiten und selbst die Abfälle essen.

Nur wenige können sich den Fisch leisten

Nur eine kleine reiche Minderheit aus der Stadt genießt an den Wochenenden ihren Tilapia in den Clubs an den Stränden des Viktoriasees. Der Viktoriabarsch findet sich auf den Speisekarten der besten Restaurants. Er schmeckt den Gourmets in aller Welt. Ihnen bleibt keine Gräte im Hals stecken.

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