Die Rechnung des Nichtstuns
Warum uns der Klimawandel jedes Jahr Milliarden kostet und was du dagegen tun kannst.
31° zeigt das Thermometer um 10 Uhr Vormittag bei uns im Büro. Hochrote Köpfe, Kühlpacks im Nacken oder die Füße im Wasserschaffel – trotzdem, die Stimmung ist gereizt; so geht es einfach nicht mehr weiter. Die letzten 25 Jahre hatten wir das Temperaturmanagement gut im Griff: gute Beschattung, ausgiebig lüften am Morgen und Abend, und alle Fenster zwischen 10 und 20 Uhr geschlossen. Seit letztem Jahr sind wir damit an Grenzen gestoßen: Mehr als 30° ab 10 Uhr am Vormittag – da ist konzentriertes Arbeiten nicht mehr möglich. Die einzige Lösung für uns als Mieter: ein Klimagerät. Genau das haben wir bislang aus Gründen des Klimaschutzes abgelehnt. Und: Es verursacht auch zusätzliche Kosten.
Wir befeuern den Klimawandel mit mehr als 13 Mrd. Euro pro Jahr
Nicht nur uns ist zu heiß, auch den Menschen, die im Freien arbeiten, den Pflanzen und den Tieren. Der menschengemachte Klimawandel setzt uns allen zu, und trotzdem fachen wir ihn mit dem Verbrennen fossiler Energie weiter an. Denn wir importieren Erdgas, Erdöl und Kohle im Wert von 8 bis 18 Mrd. Euro pro Jahr. Darüber hinaus wird klimaschädliches Verhalten (Dieselprivileg, Dienstwagenprivileg, Pendlerförderung, Steuerbefreiung von Kerosin,..) mit ca. 5 Mrd. Euro jährlich subventioniert und Steuern auf fossile Energien nicht eingehoben oder gesenkt. Das sei doppelt kontraproduktiv. Wirtschaftsökonomin Sigrid Stagl: "Steuern auf fossile Energien bringen Wertschöpfung im Inland. Werden Abgaben gesenkt, fließt ein größerer Teil der Ausgaben für Energie direkt an internationale Ölkonzerne und fossile Förderländer."
Der Klimawandel kostet nicht nur Geld, sondern auch Zukunft
Derzeit gibt es aufgrund fehlender Daten keinen vollständigen Überblick, wieviel Geld Haushalte, öffentliche Hand und Unternehmen für Klimaschäden pro Jahr aufbringen müssen. Modellrechnungen des Wegener Center (Universität Graz) aus dem Jahr 2020 gehen von jährlich 2,5 bis 5,2 Mrd. Euro bis 2030 und bis 2050 von mindestens 4,3 bis 10,8 Mrd. Euro pro Jahr aus.
Allerdings sagen Expertinnen und Experten übereinstimmend, dass die Folgen der Klimaentwicklung bislang immer unterschätzt wurden. Besonders hoch werden die Schäden im Bereich der Gesundheit und durch Flusshochwässer eingeschätzt. Das Hochwasser 2024 in Niederösterreich hat beispielsweise Schäden von mehr als einer Milliarde Euro verursacht. Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien: „Die Zahlen sind leider als Mindestansatz zu sehen. Allein wenn wir an die gesundheitlichen Folgen denken, die die riesigen Waldbrände dieses Jahr verursachen werden, sehen wir, was da an Gesundheitskosten und zusätzlich an menschlichem Leid auf uns zukommt. Von den Schäden an Landwirtschaft und Natur ganz zu schweigen.“
In Österreich haben die Hitzewellen 2026 die Zahl der hitzebedingten Todesfälle auf ein neues Hoch hinaufschnellen lassen. 395 Menschen sind allein im Monat Juni 2026 an den Folgen der Hitze gestorben. Betroffen sind vor allem ältere Menschen und chronisch Kranke. Auch der Landwirtschaft setzen Hitze und Trockenheit enorm zu. Die Hagelversicherung schätzt den verursachten Schaden in diesem Jahr auf mindestens 1 Mrd. € (Stand August 2026).
Heute in den Klimaschutz und die Anpassung investieren
„Die Kosten des Nicht-Handelns sind ungefähr fünf Mal so hoch wie aktive Maßnahmen zur Begrenzung der Erderwärmung bei 1,5 Grad“, sagt Stagl. Besser wäre es, heute zu investieren, als morgen mit sehr viel Geld große Schäden zu reparieren. Statt 5 Mrd. € für kontraproduktive Förderungen aufzuwenden könnte dieses Kapital in den Ausbau erneuerbarer Energien und in die Klimawandelanpassung investiert werden.
Abseits des Klimaschutzes hätte das sowohl ökonomische als auch soziale Vorteile. Denn es würde uns von weltweiten Energieschocks unabhängiger machen – und die Inflation stabilisieren. Stagl: „In Ländern mit stärker elektrifizierten Energiesystemen (Wärmepumpen, Elektromobilität, hoher Anteil an öffentlichem Verkehr und erneuerbarer Stromerzeugung) schlagen Öl- und Gaspreisschwankungen weniger stark auf die Inflation durch.“ Ein hoher Teil der Wertschöpfung und damit des Wohlstands würde zudem in Österreich bleiben. "Während bei erneuerbaren Technologien im Durchschnitt rund 96 Prozent der Wertschöpfung im Land bleiben, sind es bei fossilen Energieträgern nur etwa 55 Prozent“, so Stagl.“
Geeignete Anpassungsmaßnahmen können den volkswirtschaftlichen Schaden um 30 Prozent reduzieren und zudem positive Impulse für die Beschäftigung bringen. Und es würde vermeiden, politische Regime zu finanzieren, die ihre Bevölkerung unterdrücken und sich an den Erlösen selbst bereichern.
Versorgung mit erneuerbarer Energie ist möglich
Berechnungen der Österreichischen Energieagentur (AEA) zeigen, dass bis 2040 eine Selbstversorgung mit erneuerbarer Energie in Österreich möglich ist. Dafür braucht es mehr Strom aus erneuerbaren Quellen (PV, Wind + Speicher) sowie Fernwärme und Wärmepumpen zum Heizen. Der Verkehr muss großteils elektrifiziert werden.
Konsequent handeln
Selbstverständlich braucht die Einsparung von Energie und der Umstieg von fossiler auf erneuerbare Energie Zeit: Nicht alle Heizungen können von heute auf morgen ausgetauscht werden, Bauten oder Plätze müssen neu konzipiert, Produktionsprozesse neu entworfen werden. Aber der Klimaschutz sollte von allen – von Privaten, von Unternehmen und der öffentlichen Hand – konsequent, Schritt für Schritt, verfolgt und von der Politik durch entsprechende Gesetze unterstützt werden.
Damit wir keine Klimaanlage brauchen, um uns wohlzufühlen, damit Felder nicht vertrocknen und keine Ernte eingefahren werden kann, damit Hochwässer und Muren eingedämmt werden - und vor allem - damit Menschen lang und gesund leben können.
Was du tun kannst um den Klimawandel zu begrenzen und dich anzupassen
- Bei allen Investitionsentscheidungen auf Energieeinsparung und erneuerbare Energie achten: Hausdämmung (das kühlt auch im Sommer), Beschattung, Heizung (raus aus Gas und Öl), PV + Speicher, E-Pkw, Geräte + Kleidung länger nutzen, reparieren,…
- Mobilität: Gehen, Fahrrad, Bus/Bahn vor E-Pkw.
- Ernährung: weniger Fleisch (von Gesundheitsberatern werden 30 bis 50 dag Fleisch pro Woche empfohlen), Biolebensmittel.
- Natur/Garten: so viel grün wie möglich (Beschattung), möglichst wenig versiegeln, Regenwasser speichern.
- Finanziell: in nachhaltige Anlagen investieren.
- Gesellschaftspolitisches Engagement: sich für den Ausbau erneuerbarer Energie, den Abbau klimaschädlicher Subventionen, für Kreislaufwirtschaft, Biolandbau, die Erhaltung von Naturräumen, Grünoasen in der Stadt etc. einsetzen.
Autorin: Roswitha M. Reisinger