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Dicke Kinder durch Industrie-Essen?

Kommentar von Tanja Busse

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Dr. Tanja Busse ist Autorin und freie Journalistin in Berlin, u.a. für „Die Zeit“ und den WDR. In ihrem aktuellem Buch „Die Ernährungsdiktatur“ zeigt sie den Einfluss der Ernährungsindustrie auf Überfluss, Hunge Hunge

Warum essen die dicken Kinder nur so viel? Warum stopfen sie ununterbrochen Süßigkeiten in sich hinein? Es muss ihnen doch endlich einmal einer sagen, dass das nicht gut ist für sie! Wenn es die Eltern nicht tun, weil sie selber so viel essen, dann nehmen wir das jetzt mal in die Hand!

So etwa müssen sich das die Ministerialbeamten im deutschen Verbraucherschutzministerium gedacht haben, als sie den Nationalen Aktionsplan IN FORM entwickelt haben. „Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung" haben sie diesen Plan genannt – und er ist symbolische Ablenkungspolitik vom Allerfrechsten. Er lenkt auf geradezu unverschämte Weise von der Verantwortung der Politik und der Lebensmittelindustrie für die Übergewichtsepidemie ab. Er wirbt „für einen gesunden Lebensstil in Eigenverantwortung“ und will die Menschen motivieren und ihr Gesundheitsbewusstsein stärken. Klingt klasse, oder?

Wo das Problem doch so drängt: 1,6 Milliarden Menschen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO, waren im Jahr 2005 derart übergewichtig, dass sie ihre Gesundheit gefährden. Viele von ihnen werden deswegen Jahre früher sterben. In Deutschland ist nach offiziellen Angaben etwa jeder fünfte Erwachsene adipös, in Österreich jeder neunte.

Es ist offensichtlich: Leben und Essen in der Überflussgesellschaft macht die meisten Menschen nicht satt und zufrieden, sondern dick und unzufrieden. Man kann das als millionenfaches individuelles Versagen werten und den Dicken Vorwürfe machen, dass sie nicht gesünder leben und den Krankenkassen hohe Kosten verursachen. Und sie mit nationalen Aktionsplänen traktieren. Aber man kann stattdessen auch analysieren, unter welchen Lebensumständen all diese Menschen so dick werden.

Wissenschaftler sprechen von einer „obesogenic environment“, einer Umgebung, die ihre Bewohner so beeinflusst, dass sie reihenweise fett werden. Damit meinen sie nicht etwa die Arbeitsbedingungen eines Konditors, der von früh bis spät vor Zuckertöpfen, Nougatcremes und Pralinen steht, und auch nicht die Lebensumstände eines einsamen gehänselten Kindes, das nur durch Schokoladenriegel Trost findet, sondern – ganz allgemein – das Leben in den reichen Industrieländern. Den sogenannten modernen Lebensstil. Wie wir alle leben.

Die Berliner Übergewichtsforscherin Nanette Ströbele bringt es auf den Punkt: „Viele Menschen werden nicht dick, weil sie schwach sind, sondern weil ihre Umgebung sie zum Dickwerden verleitet.“ Kinder können der omnipräsenten Werbung für ungesundes und kalorienreiches Fertigessen so gut wie nicht entkommen. An jeder Ecke lockt ein Kiosk mit bunten Zuckerriegeln, aus der Imbissbude daneben riecht es nach Pommes und Döner. Kein Einkaufszentrum ohne Fastfoodkette, kein Restaurant ohne Cola. Und der Supermarkt? Der suggeriert Vielfalt, wo es keine gibt: Fünfzig verschiedene Müslisorten, aber alle aus Weizen, Zucker und Glucosesirup. Wir sind Opfer des Prinzips Schokoriegel: billige Zutaten, mit Aromen und Farbstoffen und allerlei Zusätzen aus dem Chemielabor aufgemotzt und dann teuer vermarktet. Damit macht die Industrie ihre Gewinne – und wir unser Übergewicht.

Jahrzehntelang hat die Europäische Agrarpolitik die Industrialisierung unserer Lebensmittel mit üppigen Subventionen und freundlichen Gesetzen gefördert – und wirft nun den dicken Kindern vor, dass sie das Zeugs kaufen und davon dick und krank werden.

Info: Dr. Tanja Busse ist Autorin und freie Journalistin in Berlin, u.a. für „Die Zeit“ und den WDR. In ihrem aktuellem Buch „Die Ernährungsdiktatur“ zeigt sie den Einfluss der Ernährungsindustrie auf Überfluss

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