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Der große kleine Unterschied

Frauen erkranken anders, Männer auch. Und bei beiden Geschlechtern können sich Erkrankungen auf gänzlich unterschiedliche Weise zeigen. Die Gendermedizin erforscht diese geschlechtsspezifischen Aspekte.

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Frauen tragen Damen-Laufschuhe, Männer verwenden Herrenkosmetik, Ladys-Spas gehen auf weibliche Wellnessbedürfnisse ein und Männer tragen keine Diamant besetzten Damenuhren. Während der Markt auf geschlechtsspezifische Bedürfnisse Rücksicht nimmt, gab es in der Medizin bis in die 1990er-Jahre kaum eine Unterscheidung der Geschlechter. So etwa waren Frauen vielfach aus Medikamentenstudien ausgeschlossen. „Getestet“ wurde an Männern, ohne Rücksicht darauf, dass bei Frauen möglicherweise andere Nebenwirkungen auftreten können. Andererseits gab es Forschungsfelder, wie beispielsweise Osteoporose, bei denen Frauen die Haupt-Grundgesamtheit in Studien darstellten. Hier blieben wiederum die Männer auf der Strecke. Ziel der Gendermedizin ist es daher, unterschiedliche Behandlungsziele, Therapien und Diagnosen geschlechtsspezifisch zu erforschen und damit für beide Geschlechter die Lebensqualität zu verbessern.

„Ein geschlechtsspezifischer Unterschied besteht sowohl im Gesundheitsbewusstsein als auch in der Entstehung und Wahrnehmung von Krankheiten, wie auch den Umgang mit Krankheiten“, sagt Univ. Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer, Vorsitzende des Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen an der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin III.

Höheres Diabetes-Risiko

Ein an der Wiener Universitätsklinik laufendes Gendermedizin-Projekt  unter der Leitung von Alexandra Kautzky-Willer macht diesen Unterschied deutlich: Es zeigt, dass Frauen, die im Zuge einer Schwangerschaft einen Gestationsdiabetes entwickelten, ein sieben Mal erhöhtes Risiko tragen, an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Bei männlichen Typ-2-Diabetikern erhöht sich hingegen das Risiko einer erektilen Dysfunktion. Es sind daher aus der Sicht der Gendermedizin geschlechtsspezifische Diagnose- und Therapieansätze erforderlich.

Alexandra Kautzky-Willer: „Neue Geschlechts-spezifische Erkenntnisse im Stoffwechsel von Frauen und Männern haben gezeigt, dass vor allem Frauen mit niedrigen Adiponektinspiegeln, einem niedrigen HDL-Cholesterin und einem vermehrte Fettgehalt im Muskel und insbesondere in der Leber ein hohes Risiko für eine Erkrankung aufweisen.“ Adiponektin ist ein Hormon, das in den Fettzellen gebildet wird und u.a. das Hungergefühl und die Insulinausschüttung beeinflusst.

Frauenleiden - Männersache

Es gibt ihn also, den „kleinen“ Unterschied. Neben Erkrankungen, die beide Geschlechter betreffen, gibt es Krankheiten die nur Frauen oder nur Männer betreffen. Auch diesen Aspekt berücksichtigt die Gendermedizin. Damit wird das Fach zu einem wichtigen Meilenstein einer Medizin, die den Menschen in seiner Individualität sieht. Alexandra Kautzky-Willer: „Dabei spielt neben dem Alter, der kulturellen Herkunft, der Bildungsschicht und spezifischer Charakteristika, wie dem Phäno- und Genotyp, eben auch das Geschlecht und die daraus resultierenden Wechselwirkungen mit anderen Faktoren eine wichtige Rolle.“

Andere Krankheitssymptome

Frauen- und Männerkörper senden auch andere Signale im Krankheitsfall aus. So etwa sind die Symptome bei Herzinfarkt bei Männern recht eindeutig und bekannt: Schmerzen in der linken Brust, am linken Arm, Beklemmungsgefühl. Das gilt für Frauen jedoch nur bedingt, denn neben diesen Symptomen kann sich ein solches Ereignis bei Frauen auch durch Abgeschlagenheit, Rücken- oder Bauchschmerzen und durch Kurzatmigkeit bemerkbar machen. Frauen und Männer haben zwar dasselbe Risiko, an der in Österreich häufigsten Todesursache (Herz-Kreislauf-Erkrankung) zu sterben, dieses Risiko ist jedoch nicht in jedem Lebensalter gleich. Während jüngere Frauen davon eher selten betroffen sind, steigt das Risiko für Frauen nach der Menopause entscheidend an. Schuld daran sind die Hormone: die schützende Wirkung des Östrogens bleibt mit zunehmenden Jahren aus, da die Hormonproduktion nach der Menopause abfällt. Hinzu kommt ein weiteres Stoffwechsel bedingtes Risiko: Gewichtszunahme und Bildung von Bauchfett, zu wenig Bewegung verstärken die Gefahren noch zusätzlich. Wer dazu noch raucht und weiblich ist, hat ein um 25 Prozent höheres Risiko eines Herzinfarkts. Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt es auch bei Herzschwäche, Arteriosklerose oder Stress, an dem Frauen häufiger leiden als Männer.

Vorsorgen ist nicht unmännlich

Auch im Bereich der Vorsorge sind Männer anders aufgestellt als Frauen. Frauen gehen einmal jährlich zum Gynäkologen. Männer nehmen es mit dem Besuch beim Urologen da nicht so genau. Sie gehen erst zum Arzt, wenn etwas weh tut. Eine Untersuchung von „Marketagent“ im Herbst 2013 zeigt, dass nur knapp 28 Prozent der männlichen Österreicher einmal jährlich zur Vorsorgeuntersuchung gehen. Fast 19 Prozent verzichten auf dieses Angebot. „Keine Zeit“ oder „Angst vor der Diagnose“ sind die häufigsten Ausreden der 20-69Jährigen.

„Gesagt. Getan. Vorgesorgt" heißt die laufende Kampagne, die erstmals geschlechtsspezifische Unterschiede in die Vorsorgeuntersuchung einbezieht. Je nach Geschlecht, Alter und persönlichem Risiko soll Prävention künftig individuell erfolgen, um tödliche Erkrankungen, wie Brust-, Prostata- oder Darmkrebs frühzeitig zu erkennen.

Frauen sind zwar in punkto Vorsorge gesundheitsbewusst, dennoch ist die Situation in Österreich wenig zufriedenstellend, denn Frauen leiden häufig an chronischen Erkrankungen oder sind im hohen Alter öfter pflegebedürftig als Männer. Frauen rauchen außerdem zuviel, machen zu wenig Bewegung und sind häufig Opfer eines Diätwahns. Bei Männern werden Prostatakrebs und erektile Dysfunktionen oft zu spät erkannt. Alexandra Kautzky-Willer: „Nur den wenigsten dürfte etwa bekannt sein, dass Erektionsstörungen als Symptome bei unzähligen internistischen Erkrankungen auftreten können.“ Bisher wurde im Zuge der Vorsorgeuntersuchung ein Blutbild erstellt, das wenig Aufschluss über genderspezifische Erkrankungen gibt. In internationale Leitlinien wurde der Genderaspekt, wie etwa in den Bereichen Schmerz, Herzkreislauf-Erkrankungen oder Diabetes bereits eingearbeitet. Niedergelassene Ärzte und Mediziner in Krankenhäusern haben damit Richtlinien zur Verfügung, die eine geschlechtsspezifische Prävention ermöglichen.


Darauf sollte Mann oder Frau achten, wenn sie zum Arzt gehen:

Männer

  • Bereits in der Kindheit können Burschen an einem Hodenhochstand laborieren. Harnabflussbehinderungen,Vorhautverengung und –verklebung oder Hydrozelen, also eine Flüssigkeitsansammlung innerhalb der Hodenhüllen sind Fehlbildungen, die korrigiert werden sollten.
  • Humane Papillomviren (HPV): Die Viren können bei Männern und Frauen auftreten und werden durchwegs über sexuellen Kontakt verbreitet. Bei Männern besteht das Risiko, ein  Penis- oder Analkarzinom oder eine Krebserkrankung im Mund oder Rachenraum zu entwickeln. Die HPV-Impfung kann Männer und Frauen schützen.
  • Hodentumor: Empfohlen wird der erste Besuch beim Urologen um das 20. Lebensjahr.  Neben Harntest, Ultraschall und Abtasten der äußeren Genitalien kann auch eine Rektaluntersuchung bereits bei jüngeren Männern sinnvoll sein, so etwa wenn beispielsweise eine Prostataentzündung oder andere entzündliche Prozesse vorliegen. Auch Darmpolypen und ein mögliches Krebsrisiko, wie für Darm- oder Hodentumoren, kann man auf diese Weise rascher entdecken. 70 Prozent aller bösartigen Tumoren entstehen zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr.
  • Lebensmitte und hohes Alter: Ab dem 40. Lebensjahr  sollte die Routinediagnostik der Prostata regelmäßig und umfassend stattfinden. Dazu empfehlen Spezialisten  eine jährliche Abtastung der Prostata und eine Bestimmung des PSA-Werts, also des prostataspezifische Antigens.
  • Hormonveränderungen und sexuelle Störungen: Hormonveränderungen ereilen auch Männer. Der Testosteronspiegel fällt ab und es kommt zu Symptomen wie Lustlosigkeit, Traurigkeit. Beim Androcheck™ wird der Hormonspiegel gemessen, ist er zu niedrig kann eine Hormonersatztherapie Abhilfe schaffen. Erektile Dysfunktionen sind oft Anzeichen einer anderen Erkrankung, wie z.B. des Gefäßsystems.

FRAUEN

  • Kinderheit bis Pubertät: Essstörungen wie Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brechsucht) kann man bereits in jungen Jahren durch gesunde Ernährung verhindern. Auch das Rauchverhalten und der richtige Umgang mit Alkohol sollte bereits in jungen Jahren vermittelt werden.
  • HPV-Impfung: Humane Papillomaviren können Gebärmutterhalskrebs verursachen. Sie werden am häufigsten beim Geschlechtsverkehr übertragen. Daher sollten Mädchen noch vor dem ersten sexuellen Kontakt geimpft werden. Die HPV-Impfung ist ab dem 9. Lebensjahr möglich und empfohlen.
  • Pubertät bis Menopause: Um das Risiko eine Gebärmutterhalskrebs rechtzeitig zu erkennen, sollten sexuell aktive Frauen einmal jährlich einen Krebsabstrich (PAP-Test) beim Gynäkologen durchführen lassen. Eine regelmäßige Selbstuntersuchung der Brust sollte bei jungen Frauen selbstverständlich sein, der Gynäkologe führt einmal jährlich eine Tastuntersuchung durch. Ab dem 40. Lebensjahr ist eine Mammographie im Rhythmus von zwei Jahren empfohlen.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Wichtig ist es, das Gewicht im Auge zu behalten, aber auch den Blutdruck. Im Zuge der Vorsorgeuntersuchung können Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen diagnostiziert werden.
  • Menopause: Viele Frauen leiden an Hitzewallungen, Depressionen, Libidoverlust oder Herzrasen: Das kann am abfallenden Östrogen- und Progesteronspiegel liegen. Das Hormon Östrogen schützt jedoch auch vor Herzerkrankungen. Daher sollte der Hormonstatus festgestellt werden, der Arzt berät, ob eine Hormonersatztherapie sinnvoll ist.
  • Darmkrebs: Bei Frauen ist Darmkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung. Ein jährlicher Okkult-Test ab dem 50. Lebensjahr zeigt, ob Blut im Stuhl ist. Alle 7 bis 10 Jahre wird eine Koloskopie (Darmspiegelung) zur Früherkennung von Darmkrebs empfohlen.

Infos:
Kampagne „Gesagt-getan-vorgesorgt“ der Ärztekammer Wien: http://gesagt-getan-vorgesorgt.at

Gender Med Unit der Meduni Wien: www.meduniwien.ac.at/hp/gender-medicine

AUTORIN: Doris Simhofer

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