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Defekt nach Plan

Viele Produkte gehen planmäßig kurz nach Ende der Gewährleistungsfrist kaputt. Das kommt Allen teuer und vergeudet Ressourcen. Die Politik lässt dieses Thema, die „geplante Obsoleszenz“, bislang jedoch kalt.

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Pixabay

Wachstum ist die heilige Kuh der Wirtschaft, denn Wachstum schafft Wohlstand. Und Wettbewerb sorgt dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Der Markt reguliert sich selbst, nicht zuletzt dank der Macht der Konsumierenden. Dass bei dieser Sicht der Dinge Umweltschutz und Sozialfragen auf der Strecke bleiben, ist nicht neu. Wie perfide Teile der Wirtschaft jedoch dieses Wachstum ankurbeln, das hat die TV-Dokumentation „Kaufen für die Müllhalde“ von Cosima Dannoritzer höchst anschaulich demonstriert. Ihre These: Geplante Obsoleszenz sei der geheime Motor unserer Konsumgesellschaft.

Vorzeitige Alterung
Geplante Obsoleszenz bedeutet, Produkte vorzeitig altern zu lassen. Die noch vergleichsweise harmlose Variante arbeitet mit der Verkaufspsychologie: Das neue Produkt lässt sein Vorgängermodell einfach „alt“ aussehen. Wer heute noch am Handy Tasten drückt, statt über den Bildschirm zu wischen, gilt bei jungen Menschen ja schon fast als Steinzeitmensch.

Wirklich hundsgemein wird es, wenn Produkte absichtlich so konstruiert werden, dass sie deutlich früher kaputt gehen, als dies technisch und wirtschaftlich nötig wäre. Das reicht von der planmäßigen Laufmasche im Nylonstrumpf über geplante Bruchstellen in Haushaltsgeräten, Elektronik, Autos und anderen Produkten bis hin zu EDV-Chips mit der einzigen Aufgabe, dem Drucker zu befehlen: 12.000 Drucke sind genug, stelle dich tot.

Scheintote Bürodrucker
Sepp Eisenriegler, Geschäftsführer des Reparatur- und Service-Zentrums R.U.S.Z und Direktor des EU-Dachverbandes für Sozialwirtschaft RREUSE, bekam es mit so einem Drucker zu tun. Inzwischen weiß er, dass es sich nicht nur um ein namhaftes schwarzes Schaf in der überschaubaren Herde der Hersteller handelt. „Auch Trommeln von Bürodruckern haben einen Ablaufzähler“, stellt er fest und tat mit seinen technisch versierten Kollegen das, was der Großteil der Drucker-Kundschaft nicht kann: „Wir haben die Trommel, die nach 12.000 Ausdrucken meint, dass sie getauscht werden müsse, schon viermal neugestartet und liegen jetzt bei 50.000 Ausdrucken, ohne Verschleißerscheinungen feststellen zu können.“

Dass die Tintenpatronen für viele Drucker fast so teuer sind, wie die Geräte selbst, hat schon viele Konsumenten stutzig gemacht. Doch auch darauf ist nicht selten ein Chip angebracht, der den Absatz steigern soll. „Bei vielen Tonerkartuschen ist ein Reset notwendig, wenn der darin befindliche Toner wirklich zu Ende genutzt werden soll“, so Eisenriegler. „Ansonsten landen bis zu drei Viertel der Toner-Füllmenge samt Kartusche im Müll.“

Abzocke mit Methode
Die Strategie der geplanten Obsoleszenz flog erstmals in den 1920-ern auf, im Prozess um das so genannte Phoebus-Kartell in den USA. Die Glühbirnenhersteller hatten sich darauf geeinigt, dass ihre Lampen nur noch 1.000 Stunden leuchten sollten, wurden verurteilt und produzieren bis heute kurzlebige Wegwerfprodukte. Kaum ein Bild in Dannoritzers Dokumentation zeigt anschaulicher, wie sehr dadurch Menschen in aller Welt von der Lampenindustrie abgezockt wurden, als die „Livermore Light Bulb“. Diese Glühbirne brennt seit 1901 in einer kalifornischen Feuerwache. Die erste Webcam, die zur Online-Dokumentation (www.centennialbulb.org) dieser Methusalem-Lampe eingesetzt wurde, hielt dagegen nur drei Jahre.

Selbst Unternehmen, die öffentlich erklären, sich verpflichtet zu fühlen, „Produkte so zu produzieren und zu gestalten, dass sie die Umwelt möglichst wenig belasten“, geraten manchmal in Versuchung: Vor neun Jahren konnte Apple in den USA einen Prozess abwenden, in dem das Unternehmen Entschädigung für jene iPod-Serie anbot, deren Akku schon nach kürzester Zeit versagte, aber nicht ausgetauscht werden konnte.

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Waschmaschinen-Tuning: Die Energieeffizienz von alten Qualitätswaschmaschinen kann vom R.U.S.Z. gesteigert werden. Schiffer


Leitl: „Österreichische Qualität“
Wie aber gehen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft mit der geplanten Abzocke durch technischen Murks um? Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl beruhigt: „Jede Spekulation in diesem Bereich sollte man versachlichen und auf den Boden der Tatsachen führen: Österreichische Qualitätsprodukte können jedenfalls in puncto Lebensdauer und Haltbarkeit nicht einfach mit Billigimporten minderer technischer Qualität und Ausführung verglichen werden. Hier bestehen Unterschiede, die sich natürlich nicht nur im Preis, sondern auch bei der Lebensdauer, Qualität, technischen Standards etc. niederschlagen.“ Darüber hinaus könnten es sich Unternehmen im Wettbewerb nicht leisten, Schrott zu produzieren.

Da hat Leitl etwas Wichtiges gesagt, nämlich „Unternehmen im Wettbewerb“. „Geplante Obsoleszenz funktioniert, wo die Konsumenten kaum ausweichen können. Wenn es am Markt nur ein, zwei Hersteller gibt, und die dann vielleicht auch noch Absprachen treffen, dann haben wir ein massives Wettbewerbsproblem“, erklärt Innovationsexperte, Industrieökonom und Wifo-Mitarbeiter Andreas Reinstaller aus dem Bauch heraus. Denn einschlägige Studien sind ihm noch nicht untergekommen. „Wenn man sehr früh mit neuen Produkten auf den Markt dringt, kann der Anreiz ebenfalls sehr groß sein. Wo es aber Wettbewerb gibt, kann geplante Obsoleszenz auch nach hinten losgehen. Die Gefahr ist ein langfristiger Imageverlust, der möglicherweise den kurzfristigen Profit überwiegt.“

„Keine Beschwerden“ im Sozialministerium
Bleibt die Frage, ob der Wettbewerb tatsächlich so funktioniert, wie es die (neo-liberale) Wirtschaftstheorie vorsieht. Falls nicht, bleibt immerhin noch der Konsumentenschutz. Was sagt also Österreichs oberster Konsumentenschützer, Sozialminister Rudolf Hundstorfer? Er lässt seine zuständige Sektion für Konsumentenpolitik antworten, und diese verblüfft mit der Aussage: „Obwohl über das von Ihnen beschriebene Problem immer wieder Vermutungen geäußert werden, liegen uns keine konkreten Hinweise oder Beschwerden dazu vor.“

Das tut weh. Hat sich wirklich noch niemand beim zuständigen Minister beschwert? Über nachfüllbare Feuerzeuge, die schon den Geist aufgeben, bevor sie zum ersten Mal nachgefüllt werden? Über Waschmaschinen, die kurz nach Ablauf von Garantie oder Gewährleistung den Dienst versagen? Über Autos, die schon nach kürzester Zeit rosten, obwohl andere erst nach vielen Jahren damit anfangen – was manche Hersteller inzwischen sogar schon garantieren? Keine Beschwerden über die berüchtigten Drucker-ist-tot-Chips?

Müssen innovative Hersteller von LED-Lampen darum fürchten, dass ihre für 25 Jahre Lebensdauer konzipierten Lampen bald von 1.000-, seien wir großzügig, 5.000-Stunden-Wegwerf-LEDs verdrängt werden? Bloß weil sich niemand beschwert? Bloß weil sich die Macht der Konsumenten im Dickicht all dieser Dinge, auf die man beim Einkauf achten sollte, verliert? Bloß weil der Konsumentenschutz ein lahmer Tiger ist, im Vergleich zur Macht der Industrie?

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In manchen Druckern sind Zähler eingebaut, die das Ende des Geräts vorgeben. Istockphoto

ÖGUT „Systemfehler Wachstum“
Gerlinde Wimmer, Generalsekretärin der ÖGUT, der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, findet klare Worte: „Geplante Obsoleszenz stellt ein systemimmanentes Problem dar: Unser gesamtes Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgelegt. ProduzentInnen, die rasch gesteigerte Nachfrage schaffen, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil. Insofern spielt es keine Rolle, ob geplante Obsoleszenz einer Absicht, Verschwörungstheorie oder Profitgier entspringt – erst ein verändertes Wirtschaftssystem kann einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen belohnen. Erst wenn die Wirtschaft einen Nutzen aus dem Verkauf von langlebigen, reparaturfreundlichen Produkten hat, wird sie sich auf eine entsprechende Umstellung einlassen.“

Die optimale Lebensdauer
Wie lange aber sollen Produkte im Sinne der Nachhaltigkeit überhaupt halten? Schließlich brauchen alte Kühlschränke deutlich mehr Strom als neue und neue Autos weniger Benzin als alte. Der Reparaturprofi und ehemalige Umweltberater Eisenriegler zitiert dazu eine Studie des Öko-Instituts Freiburg: „Berücksichtigt man lediglich den kumulierten Energieaufwand, ist der Austausch von Waschmaschinen nach zehn Jahren gerechtfertigt. Legt man das globale Erwärmungspotenzial zu Grunde, sind es 15 Jahre. Berechnet man aber die kompletten Umweltauswirkungen nach EcoGrade, sollte man die Waschmaschine 20 Jahre betreiben.“
So lange halten nur echte Qualitätsprodukte. „Gerade bei unserem Kerngeschäft Waschmaschinen-Reparatur stellen wir immer wieder fest, dass KundInnen nach Ablauf der Garantiefristen ihrer Billig-Waschmaschinen – also nach zwei bis zweieinhalb Jahren – eine Reparatur beauftragen wollen.“ Grund dafür seien meist geplante Obsoleszenz in der Steuerelektronik und/oder zu schwache Stoßdämpfer für die hohe Schleuderleistung. Eine Reparatur solcher Geräte kommt in der Regel zu teuer. Einige alte Marken-Waschmaschinen dagegen sind so langlebig, dass man sie im R.U.S.Z. (www.rusz.at) mit einem Energieeffizienz-Tuning aufmotzen lassen kann. Denn Eisenrieglers Credo lautet: „Es ist ethisch nicht zu verantworten, dass wir immer mehr Ressourcen verschwenden, um immer kurzlebigere Produkte herzustellen.“

Empört euch!
Das Sozialministerium verweist auf die gesetzliche Gewährleistungsfrist von zwei Jahren, auf das Kartellrecht und das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Verbandsklagen sind jedoch nicht zulässig. An gesetzliche Änderungen denken derzeit weder Hundstorfer noch Leitl. In manchen Fällen wäre wohl auch der Tatbestand des Betrugs nahe liegend. Doch nur die wenigsten Fälle landen vor Gericht. Und selbstverständlich gilt für alle erwähnten und nicht erwähnten Firmen die Unschuldsvermutung.
Immer mehr Geschädigte geben ihrem Ärger im Internet Raum, zum Beispiel auf der deutschen Plattform www.murks-nein-danke.de, und berichten über ihre Erfahrungen. Für die Umgehung etlicher Obsoleszenz-Chips in Druckern und auf Tintenpatronen steht inzwischen Software zum Download bereit. Orientierung bei der Kaufentscheidung bieten auch das Österreichische Umweltzeichen, die Initiative „bewusst kaufen“ des Lebensministeriums sowie zahlreiche Produkttests verschiedener Konsumentenschutzorganisationen. Und wenn der Automechaniker oder Handwerker Ihres Vertrauens stöhnt: „Jessas, ist das verbaut“, dann fragen Sie doch, welche Konkurrenzprodukte oder -modelle länger halten und im Fall des Falles einfach zu reparieren sind.


Autor: ROBERT KOCH


Infos:
Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z.

MURKS? NEIN DANKE! deckt auf:
Festeingebaute Akkus begrenzen die Nutzungszeit eines Produktes offentsichtlich auf die Nutzungsdauer des festverbauten Akkus und dies ohne Not oder spezifische Anforderung. Technische, konstruktive und sicherheitsrelevante Gründe lassen sich dafür nicht darlegen. Diese Vorgehensweise der Hersteller ist ein klarer Beleg für geplante Obsoleszenz und betrifft mittlerweile mehr als 100 Produkte unterschiedlicher Produktgruppen.Hersteller von Elektro- und Elektronikgeräten, deren Akkus während der Nutzung nicht problemlos und kostenfrei entnommen werden können, verletzen geltendes Recht. Die Produkte durften und dürfen nicht in Verkehr gebracht werden. Verbraucher und Umwelt werden erheblich geschädigt. Politik, Hersteller und Behörden bleiben untätigt.
Detaillierte Informationen dazu erhalten Sie auf www.akkuskandal.de.

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