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Craftquellen

Genussschwärmereien von Jürgen Schmücking

Craft Bier ist in aller Munde. Wir reden darüber. Über die Brauer und Brauereien, die Rezepte und die Etiketten. Und darüber, wie die Biere zum Essen passen. Der Markt boomt, Craft Beer Festivals sprießen aus dem Boden und in den Lokalen des Landes übertreffen sich die Biersommeliers mit ellenlangen Bierkarten. Der einzige Unterschied. Die Welt ist schneller geworden. Viel schneller. Dank instagram, facebook, twitter & Co verbreitet sich die Botschaft von neuen Produkten in Sekundenschnelle. Blogger und Poster erzählen die Geschichten, und aufgrund der Tatsache, dass wir in einem Zeitalter der Extreme leben, gibt es reichlich Geschichten über Craft Beer zu erzählen. Eine davon handelt von einer ihrer Wurzeln.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

Eine Reise beginnt – sprichwörtlich – mit einem ersten Schritt. In der Regel macht diesen aber niemand, ohne sich zuvor über das Ziel informiert zu habe. Ein Blick auf die Landkarte oder in den Reiseführer reicht oft, um sich mit den zentralen Begriffen vertraut zu machen. Wovon sprechen wir also, wenn wir „Craft Beer“ sagen? Die Antwort ist gar nicht so einfach, weil unter Craft Beer im Moment sehr vieles verstanden wird. Viel Hopfen oder mächtig Alkohol, tiefschwarze Biere oder Gebräu aus uralten Getreidesorten. Das gibt es natürlich alles, trifft aber nicht den Kern des Begriffs. ‚Craft’ bedeutet erst einmal Handwerk. Gemeint sind also handwerklich hergestellte Biere, die sich – so der Wunsch – von industriell hergestellten Produkten unterscheiden. Der Rest ist eine Stilfrage. Und davon gibt es reichlich.

IPA steht für India Pale Ale. Achtung: mit der kaum merklichen Abwandlung ‚Indian Pale Ale’ oder gar ‚Indien Pale Ale’ outen Sie sich im Nullkommanichts als Outsider. Das historische Rezept war einfach: viel Hopfen und höherer Alkohol, um das Bier vor rauer See zu schützen. Zuerst taucht das Gebräu als ‚East India Pale Ale’ in den Archiven der Biergeschichte auf. Das war gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Der bittere Stil gefiel und etablierte sich schließlich als India Pale Ale im ganzen Commonwealth. International hatte es das India Pale Ale nicht so leicht und wurde von untergärigen Lager-Bieren aus dem Markt gedrängt. Am Beginn des 20. Jahrhunderts ist das India Pale Ale nahezu komplett von der Bildfläche verschwunden. Die Renaissance des Klassikers verdanken wir der lebendigen Craft Beer Szene in Amerika. Kleine Brauereien haben sich mit viel Verve und Kreativität dem IPA verschrieben. Dabei wurden die alten Rezepte herangezogen, perfektioniert, verfeinert und erweitert. Möglich war das nur, weil die Zeit auch für den Hopfen nicht stehen blieb. Das Wissen und die Verfügbarkeit verschiedener Aromahopfensorten, wie zum Beispiel Amarillo, Citra oder Cascade, trugen wesentlich zum Höhenflug der India Pale Ales bei.

Und bei uns? Auch in Österreich läuft zur Zeit großes IPA-Kino. Die heimische Szene boomt und brummt. Nicht alles, was neu ist, strahlt auch. Was die wirklich guten Craft Biere gemeinsam haben, sind Leidenschaft, Tradition oder eben beides. Wer nach diesen Werten sucht, ist im Craft Bier-Dschungel immer auf der sicheren Seite.


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