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Schön und nachhaltig bauen

Bei der Diskussion um Passivhausstandard wird bisweilen auf Ästhetik und architektonische Qualität vergessen. Doch auch  „Schönheit“ ist ein Teil der Nachhaltigkeit.

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Jede Region hat ihren Baustil, der mit der Umgebung harmoniert und als schön empfunden wird. Manfred Lackner

Energiesparen – koste es, was es wolle. Auf diese griffige Formel wird die Nachhaltigkeitsdebatte in der öffentlichen Wahrnehmung oft herunter gebrochen. Im Baugewerbe heißt das vor allem eines: Noch dickere Wärmedämmung. „Landauf, landab, wohin man sieht, werden auf jeder Fassade, egal ob Wohnhaus, Sporthalle, Schulhaus oder Verwaltungsgebäude dicke Dämmmatten und –blöcke aufgeklebt“, schreibt der Freiburger Architekt Günter Pfeifer in der Zeitschrift „der architekt“. Und weiter: „Klopft man auf die fertigen Fassaden, klingt es hohl.“

Einfallslose Einheitsarchitektur
Dieses Hohle sieht Pfeifer als Symbol der Einfallslosigkeit und Geistlosigkeit heutiger „Einheitsarchitektur“. Diese würde sich darauf beschränken, Gebäude immer dicker einzupacken. Die Bauwirtschaft freut dies, kann sie doch auf ein wachsendes Auftragsvolumen hoffen. Ökologie und Ökonomie ziehen an einem Strang. Aber wo bleiben Schönheit und Ästhetik? Sind sie lediglich eine Draufgabe oder schließen sich Ästhetik und energieoptimiertes Bauen überhaupt aus?

Der deutsche Stadtplaner Robert Kaltenbrunner formuliert es drastisch: „Ehrlicherweise muss man einräumen, dass so manche bauliche Maßnahme, die in überzeugendster Absicht der Energieeinsparung dient, krass jeden Maßstab von architektonischer und handwerklicher Kultur unterschreitet.“ Er kritisiert, dass die Diskussion über nachhaltiges Bauen einseitig auf naturwissenschaftlich-technische Aspekte reduziert ist. Es werde über Passivhausstandard debattiert, darüber aber auf Faktoren wie Lebens- oder Umweltqualität vergessen. Als Beispiel nennt er die Ansiedlung von Pendlern im Stadtumland, eine Entwicklung, die ungedeckte Folgekosten habe – vor allem in den Bereichen Infrastruktur, Verkehr und Umwelt. 

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Roland Gnaiger, Leiter des Instituts für Raum und Design: „Wird das rein Technische beim Bauen überbetont, entstehen Häuser, in denen letztlich niemand wohnen will.“ IG Passivhaus/Lang

Formen- und Farben-Wirrwarr in neuen Siedlungen
Aber nicht nur das. Werden am Rand der Städte oder in den umliegenden Gemeinden neue Baugründe erschlossen, entstehen nicht selten gesichtslose Ansammlungen verschiedenster Haustypen aus dem Fertighauskatalog. Jedes einzelne Gebäude mag durchaus mit interessanten technischen und architektonischen Details beeindrucken. Zu hunderten auf eine Fläche zusammengewürfelt und auf mehrere Straßenzeilen verteilt entsteht ein architektonisches Wirrwarr aus Formen und Farben, ohne jeden Zusammenhang und zumeist ohne Gemeinschaft bildender Infrastruktur.

Dem Zuzug in den Speckgürtel liegt der Wunsch nach mehr Wohnqualität zugrunde. In einer umfassenden Bewertung von Nachhaltigkeit müssen Qualitätsaspekte, wie  Ästhetik, Schönheit, Wohlfühlen mitbedacht werden. Wo allgemein die Meinung herrscht, Energie sparende Häuser seien zwar sinnvoll, aber notwendigerweise hässlich, werden sich nachhaltige Baustandards auf lange Sicht nicht durchsetzen.

Autor: Hartmut Schnedl
 

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