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Palmöl – Segen oder Fluch?

Palmöl findet sich in Aufstrichen und Schokoladen ebenso wie in Kosmetik und Waschmittel. Sogar als Sprit für unsere Autos eignet es sich. Doch die Gewinnung dieses heißbegehrten Grundstoffs geht mit massiven Umweltproblemen einher. Bieten nachhaltige Programme eine Alternative?

Palmöl ist ein wunderbarer Rohstoff. Es wird aus dem orangeroten Fruchtfleisch und den Kernen der Früchte von Ölpalmen gewonnen. Nach dem Raffinieren und Bleichen ist es weiß und schmeckt mild und fast neutral. Es ist wie das  Kokosfett bei Raumtemperatur fest,  deshalb eignet es sich für Aufstriche, Glasuren, Cremen, Eiskonfekt und Suppenwürze genau so gut wie für Kosmetika.

Palmöl ist Grundstoff für verschiedene Tenside, also waschaktive Substanzen für Wasch- und Reinigungsmittel, und man kann daraus Agrodiesel herstellen. Rotes, unraffiniertes Palmöl aus dem Fruchtfleisch enthält eine sehr hohe Konzentration an Carotinen und Vitamin E und ist deshalb gut für Haut, Augen, Schleimhäute und Körperzellen.

Außerdem liefern die bis zu 30 Meter hohen Ölpalmen einen enormen Ertrag: Ein Baum kann bis zu 350 Kilogramm Früchte tragen, im Schnitt kann man sieben Tonnen Palmöl und eine Tonne Palmkernöl pro Hektar erzielen. Der Ertrag ist etwa fünf Mal so viel wie bei Raps. Eine Ölpalme beginnt nach vier bis fünf Jahren zu tragen und kann theoretisch bis zu 200 Jahre alt werden. Kein Wunder also, dass Palmöl und Palmkernfett mit 30 Prozent Marktanteil das wichtigste Pflanzenöl der Welt ist.

Palmöl ist gleichzeitig aber auch ein Problem. Denn gerade weil es so ertragreich und vielseitig einsetzbar ist, werden immer mehr Ölpalmen angepflanzt – zumeist in riesigen Monokulturen, für die zuvor tropischer Regenwald abgeholzt und abgebrannt wurde.

Problematischer Anbau

Ursprünglich wuchs die Ölpalme, die mit botanischem Namen Elaeis guineensis heißt, im westlichen Afrika. Sie wächst aber überall, wo es heiß und feucht ist, also in den Tropen. Bereits in der Kolonialzeit wurde die Ölpalme in Malaysia eingeführt. Heute kommen bis zu 90 Prozent des Weltmarktanteils aus Indonesien und Malaysia. Indonesien betrachtet den Ölpalmen-Anbau als Chance zur ländlichen Entwicklung und will seine Palmöl-Produktion bis zum Jahr 2020 noch auf rund vierzig Millionen Tonnen jährlich steigern – 2012 waren es 26,5 Millionen Tonnen. Nach Prognosen des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen UNEP aus dem Jahr 2007 könnte dadurch bis zum Jahr 2022 der Großteil des Regenwaldes in Indonesien degradiert oder verschwunden sein.

Indonesien hat weltweit den drittgrößten tropischen Regenwald, der 68 Prozent seiner Landmasse bedeckt, das sind 131,3 Millionen Hektar Wald. Seit 1985 sind pro Jahr zwischen 1,17 und 3,51 Millionen Hektar Wald durch Schlägerungen, Brände und kommerzielle Landwirtschaft verloren gegangen. Mit dem Wald geht auch Lebensraum für die überaus reiche Artenvielfalt verloren

NGOs berichten, dass auch Menschen ihren Lebensraum verlieren.. Bauern werden überredet oder gar gezwungen, ihr Land an Palmöl-Produzenten um wenig Geld zu verkaufen. Wenn sie die Möglichkeit haben, auf den darauf entstehenden Palmölplantagen zu arbeiten, werden sie meist nur als Tagelöhner eingestellt, sagte Anton Widjaya von der indonesischen NGO Walhi im November des Vorjahres in einem Interview mit Zeit Online. Widjaya weiter: "Sie werden katastrophal bezahlt. Sie kommen täglich mit Pestiziden in Berührung, müssen ihre Schutzkleidung selbst bezahlen, und sie haben überhaupt keine Absicherung."

Negative CO2-Bilanz

Zu all dem kommt ein weiteres, riesiges Problem: Das Schlägern und Abbrennen des Regenwaldes verursacht einen immensen CO2-Ausstoß. Florian Siegert, Professor am GeoBio-Zentrum der Ludwig Maximilians-Universität München, und sein Team haben im Jahr 2006 erstmals festgestellt, dass dabei das größte Problem jene Palmölplantagen sind, die auf Torfböden angebaut werden. In Indonesien gibt es Torfböden, die 10 bis 20 Meter dick sind und sehr viel Kohlenstoff speichern. Um dort Ölpalmen anbauen zu können, werden die Wälder gerodet, das brauchbare Holz verkauft und der Rest angezündet. Dadurch entstehen unglaubliche Rauchschwaden, die die Luft mit Aerosolen und schädlichen Gasen belasten und in einigen Gebieten Südostasiens massive Gesundheitsprobleme verursachen. Außerdem entsteht dabei Kohlendioxid, das zum Treibhauseffekt und damit zum Klimawandel beiträgt. Die restlichen Bäume fallen dann um, beginnen teilweise von selbst wieder zu brennen, und schließlich verrotten sie.

Doch damit noch nicht genug: Um auf diesen Böden Ölpalmen anbauen zu können, werden Kanäle gegraben, die den Wasserspiegel auf einen Meter unter der Oberfläche absinken lassen. "Der Torf trocknet dadurch aus, beginnt zu oxidieren und wird von Bakterien und Pilzen abgebaut", sagt Florian Siegert. Das bedeutet, dass über die rund 20 Jahre, die eine Ölpalmenplantage betrieben wird, kontinuierlich Kohlendioxid freigesetzt wird. Florian Siegert und seine Kollegen haben anhand von Laserscanner-Messungen aus dem Hubschrauber, mit denen die Höhe des abgebrannten Torfs abgebildet werden kann, errechnet, dass im Untersuchungsjahr 2006 in Indonesien durch Torffeuer bis zu 900 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt wurden. Das ist mehr als die gesamten CO2-Emissionen Deutschlands im selben Jahr.

Die Nachfrage nach Palmöl steigt nicht nur, weil es ein vielseitig verwendbares und preisgünstiges Pflanzenfett für die Lebensmittelindustrie ist, sondern auch wegen der steigenden Nachfrage nach Agrodiesel. Zwar ist der Anteil des Palmöls, das zu Treibstoff verarbeitet wird, derzeit noch gering, das wird sich aber sicherlich ändern. Wird das Palmöl auf tropischen Torfböden produziert, werde dadurch aber um das Zehnfache mehr CO2 freigesetzt, als der Agrotreibstoff im Verhältnis zu fossilem Diesel einsparen kann, warnt Florian Siegert. Zwar gebe es Regularien in Indonesien, dass auf Torf, der dicker als 3 Meter ist, keine Plantagen angelegt werden dürfen, das würde aber niemanden interessieren. Biodiesel aus Palmöl lehnt Siegert deshalb grundlegend ab: "Biosprit sollte man nur aus Bioabfällen herstellen, alles andere steht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion oder zerstört die Umwelt."

Ölpalmen sollten auf keinen Fall auf Torf angebaut werden, fordern die Wissenschaftler, sondern nur auf mineralischen Böden. Und es sollte ab sofort kein Regenwald mehr zerstört werden für billiges Pflanzenöl.

Agrotreibstoff – ein Schuss nach hinten

Greenpeace Österreich kritisiert,  dass in Österreich zunehmend Palmöl in den Agrospit gemischt würde, weil (der damalige) Umweltminister Nikolaus Berlakovich eine Erhöhung des Biodieselanteils beschlossen habe. Greenpeace hatte Ende August bei sechs verschiedenen Tankstellen Diesel-Proben genommen und diese auf den biogenen Anteil testen lassen. Im Vergleich zu 2008 habe sich der Palmöl-Anteil im Jahr 2013 von maximal fünf Prozent auf bis zu 60 Prozent vervielfacht.

Die Europäische Union hatte im Jahr 2009 eine Richtlinie für erneuerbare Energien erlassen, nach der im Verkehrssektor bis 2020 mindestens zehn Prozent des Gesamtkraftstoffverbrauchs aus Agrokraftstoffen bestehen müssen. Aufgrund der Berichte über die katastrophale Klimabilanz von Palmöl aus Regenwaldkahlschlägen wurde diese Vorgabe revidiert. Der Anteil von Biokraftstoffen aus der ersten Generation, also Weizen, Raps, Mais und Palmöl, soll nach einem neuen Vorschlag auf maximal sechs Prozent eingeschränkt werden. Stattdessen sollen alternative Kraftstoffe verstärkt aus der so genannten zweiten Generation gewonnen werden – aus Abfall, Algen, Stroh und Klärschlamm. Im Dezember 2013 konnte sich der Rat aber nicht über die Details einigen, weshalb die Sache auf die nächste Legislaturperiode, also frühestens Herbst 2014, verschoben wurde.

Wege zu nachhaltigem Palmöl?

Ein Programm, das Anreize für den Schutz der tropischen Torfsumpfwälder schaffen könnte, ist REDD (reducing emissions from deforestation and forest degradation). REDD ist ein Klimaschutzinstrument, mit dem Entwicklungsländer für die Vermeidung von Emissionen durch Waldzerstörung finanziell belohnt werden sollen. Es erkennt an, dass Wälder eine wichtige Rolle als Kohlenstoffspeicher haben, und will ein Gegengewicht zur Zerstörung von Wäldern für andere, lukrative Nutzungen bilden. REDD wurde 2007 bei der UN-Klimakonferenz auf Bali eingeführt. Wie so oft konnte man sich bisher nicht einigen, wie REDD finanziert werden soll.

Der WWF hat im Jahr 2004 den Roundtable on Sustainable Palmoil, RSPO (runder Tisch für nachhaltiges Palmöl) ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine freiwillige Initiative mit dem Ziel, auf den Plantagen freiwillig mehr für Naturschutz und Menschenrechte zu tun, als gesetzlich vorgeschrieben wird. Der RSPO hat mittlerweile 1.300 Mitglieder in 50 Ländern; es sind Plantagenbetreiber, Abnehmer, Händler, Investoren und Vertreter von NGOs wie WWF oder Oxfam. Im Jahr 2013 waren 15 Prozent des weltweit produzierten Palmöls RSPO-zertifiziert.

Andere Umweltorganisationen, wie Greenpeace oder "Rettet den Regenwald e.V." kritisieren, dass das RSPO-Siegel ein Etikettenschwindel sei. Firmen, die sich mit dem Siegel schmücken, würden immer noch Regenwald roden und verbotene Herbizide wie Paraquat einsetzen.

Friederike Klein, beim WWF Österreich zuständig für das Thema Palmöl sagt dazu: "Es ist leider richtig, dass es einige Verstöße von RSPO-Mitgliedern gegen diese Prinzipien und Kriterien gibt. Dies ist aus Sicht des WWF absolut inakzeptabel und der RSPO muss scharf gegen diese Verstöße vorgehen." Der WWF fordere außerdem strengere Kriterien des RSPO und fordert alle Unternehmen auf, gegenüber ihren Lieferanten weiterführende Verpflichtungen innerhalb des RSPO umzusetzen. Palmöl sollte nur noch von Produzenten gekauft werden, die bestätigen, dass ihre Plantagen nicht auf Torfböden oder Flächen mit hohem Kohlenstoffgehalt angelegt werden, auf hochgefährliche Pestizide verzichten, die Treibhausgasemissionen ihrer Plantagen und Ölmühlen öffentlich machen und deren gesamte Palmfrüchte ausschließlich und nachweisbar aus legalen Quellen stammen.

Florian Siegert von der Universität München - der den Abbau der Torfböden in Indonesien untersucht hat - sagt, der RSPO sei bei weitem nicht genug, aber immerhin ein Anfang.

Über den RSPO hinaus gibt es verschiedene Initiativen wie die Palm Oil Innovators Group, in der der WWF als auch Greenpeace vertreten sind, und das Forum Nachhaltiges Palmöl, die strengere Nachhaltigkeitskriterien durchsetzen wollen. Der WWF befragt seit 2009 auch regelmäßig Lebensmittelverarbeitungs- und Handelsunternehmen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, woher sie ihr Palmöl beziehen und ob und wie es zertifizert ist. Die Ergebnisse kann man beim WWF unter dem Begriff "Scorecard" finden.

Verantwortung tragen

Durch Nachfrage und Druck von NGOs und Konsumenten geben aber immer mehr Firmen an, wie sie zum Thema Palmöl stehen und was sie tun, um die Zerstörung des Regenwaldes zu vermeiden. Wie weit das glaubwürdig ist, ist nicht immer klar zu erkennen. Das Thema hat vor allem bei jenen Firmen Eingang gefunden, die sich schon seit langem mit Nachhaltigkeit beschäftigen.

Die Firma Erdal Rex GmbH zum Beispiel, die die Frosch-Reinigungsmittel herstellt, hat bereits 2011 an die Betreiber der Website www.palmoelfrei.de geschrieben, die eine Datenbank palmölfreier Produkte betreibt. Palmkernöl sei aufgrund seiner Zusammensetzung ein willkommener Grundstoff für wasch- und reinigungsaktive Substanzen, z.B. für Kosmetika und Waschmittel, schreibt Erdal. Die einzige Alternative dazu sei Kokosöl, das auf kleineren Parzellen und weniger intensiv angebaut wird. Allerdings beziehen die Hersteller von Waschmitteln üblicherweise nicht das rohe Öl, sondern Umwandlungsprodukte oder einzelne Fraktionen des Öls. Es ist also schwer bis gar nicht feststellbar, ob Palm- und Kokosöl vermischt wurden oder woher das Palmöl stammt.

Mehr Sicherheit hat man im Bio-Bereich:

Die deutsche Bio-Produktions- und Handelsfirma Alnatura hat auf ihrer Website Fragen und Antworten zum Thema Palmöl zusammengestellt. Pressesprecherin Stefanie Neumann sagt dazu, dass die Produkte von rund 100 verschiedenen Naturkost-Herstellern produziert werden, Alnatura deshalb Palmöl nicht direkt einkauft. Aber: "Bio-Produkte werden in der gesamten Wertschöpfungskette umfassend kontrolliert, um sicherzustellen, dass die Rohstoffe aus ökologischem Landbau stammen." Weltweit gäbe  es nur zwei Bio-Palmöl-Produzenten, die die Bio-Branche mit ausreichenden Mengen versorgen können: Agropalma aus Brasilien und Daabon Organic aus Kolumbien. Daabon ist ein Familienunternehmen und seit 1992 ECOCERT bio-zertifiziert. Die Mitarbeiter sind Kleinbauern, die im Auftrag von Daabon in Gemeinschaften produzieren. Daabon und Agropalma haben auch eigene Raffinerien, in denen das Öl verarbeitet wird, es kommt also nicht zur Vermischung mit konventionell hergestelltem Palmöl.

Dem ebenfalls in Deutschland ansässigen Naturkost-Hersteller Rapunzel geht "bio" beim Palmöl noch nicht weit genug. Deshalb wird von der Firma Serendipalm in Ghana Bio-Palmöl bezogen, das auch fair gehandelt ist. Das sei natürlich bedeutend teurer, sagt Unternehmenssprecherin Heike Kirsten: Je nach Ernte-Situation kostet es um die Hälfte mehr oder sogar das Doppelte von konventionellem Palmöl. "Wir müssen einfach verantwortungsvoller mit dem Land umgehen, deshalb müssen die Verbraucher von den Konzernen fordern, dass sofort auf nachhaltigen Anbau umgestellt wird", betont Heike Kirsten. Rapunzel setze Palmfett außerdem nur dann in seinen Produkten ein, wenn es keine Alternative gibt.

Für KonsumentInnen gibt es eine Hilfe für ihre Entscheidung: Auf Lebensmittelverpackungen muss Palmöl deklariert werden.

Autorin: Sonja Bettel

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