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„Jeder wird mehrere Berufe erlernen müssen“

Warum wir uns vor der Digitalisierung nicht fürchten müssen und wie der Arbeitsmarkt der Zukunft mit Weitblick durch kluge Politik und lernbereite, flexible Arbeitnehmer neu gestaltet wird, erklärt der Landesgeschäftsführer des AMS Niederösterreich, Karl Fakler.

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Karl Fakler AMS NÖ

Wird mit der Digitalisierung des Arbeitsmarktes ein Abbau von Arbeitsplätzen einhergehen?

Karl Fakler: Im Gegenteil. Wenn Europas Wirtschaft weiter so wächst, werden uns die Arbeitskräfte ausgehen. Schwarzmaler haben schon zu Beginn des Industriezeitalters bis in das 20. Jahrhundert den Ersatz der Menschen durch Maschinen befürchtet. Natürlich haben Webstühle die Weberinnen und Weber arbeitslos gemacht, ja, kurzfristig. Mittelfristig jedoch sind eben andere Produktions- und Dienstleistungsbetriebe geschaffen worden. Heute gibt es so viele Arbeitsplätze wie noch nie zuvor in der Geschichte der Wirtschaft.

Das heißt, Maschinen werden Menschen nie gänzlich ersetzen können?

Maschinen und Roboter werden zunehmend Tätigkeiten übernehmen, die bisher Menschen ausführten. Das ist einfach der Lauf der Zeit. Komplexe Softwareprogramme werden unser Leben vielfach einfacher machen. Die Folge daraus: Der Arbeitsmarkt wird sich enorm wandeln.

Das klingt, als würde in der Arbeitswelt kein Stein auf dem anderen bleiben. Was bedeutet das für den einzelnen Arbeitnehmer?

Zukünftig werden die Menschen alle sechs, sieben Jahre den Arbeitsplatz wechseln und sich beruflich weitgehend neu erfinden müssen. Das kann auch mit bestimmten Altersabschnitten einhergehen. Sicher ist, dass auch das Pensionseintrittsalter langfristig angehoben wird und man gegen Ende seiner Berufslaufbahn völlig andere Tätigkeiten ausüben wird, als zu Beginn.

Wird sich die Art und Weise, wie und was in den Schulen unterrichtet wird, in den nächsten Dekaden ändern? Wie werden Kinder zukunftsfit?

Es ist bereits heute zu beobachten, dass Erlerntes der letzten Jahre, nach kurzer Zeit überholt ist. Besonders krass ist das in technischen Berufen, in der Produktion oder in der Programmierung. Daher muss man jungen Menschen bereits in der Grundausbildung das Rüstzeug dazu geben, richtig zu lernen und bei Bedarf rasch umzulernen. Die Unterrichtsmethoden werden sich ändern und Menschen, die gegebene Anforderungen nicht schaffen, müssen anders und länger ausgebildet werden. Es nützt niemandem, über sinkendes Niveau zu jammern, es muss etwas gemacht werden! Hier ist die Politik gefordert!

Bedeutet dies, dass die Zeiten, in denen man für einen Beruf ausgebildet wurde und den bis zur Pension ausübte, vorbei sind?

Stärken und persönliche Fähigkeiten eines Arbeitnehmers müssen in Zukunft für mehrere Berufe einsetzbar sein. Leider ist derzeit die Bereitschaft vieler Arbeitskräfte, umzulernen und beruflich neue Wege zu gehen, noch sehr gering. Nicht nur bei jenen mit Hauptschulabschluss, auch bei Akademikern.

Neue Fähigkeiten oder gleich einen neuen Beruf zu erlernen, erfordert ja nicht nur die Bereitschaft dafür, sondern bedarf auch finanzieller Mittel. Wer soll sich das leisten können?

Umschulungsprozesse werden in Zukunft vermehrt von der öffentlichen Hand bezahlt werden, da es im Interesse einer Gesellschaft ist, so geringe Arbeitslosenzahlen wie nur möglich zu haben. Bereits heute kostet die Qualifizierung eines ungelernten Arbeiters zu einem Facharbeiter das AMS durchschnittlich 36.000 Euro. Das ist eine wichtige Vorleistung an Betriebe und natürlich auch an die auf diesem Weg qualifizierten Arbeitslosen. Denn derartige Summen sind für viele, vor allem kleine und mittlere Betriebe viel Geld.

Arbeitslose klagen, dass sie trotz guter Referenzen aus ihrem vorangehenden Berufsleben keine adäquaten Jobs bekommen. Woran liegt das?

Zukünftig - und bereits jetzt - werden Mitarbeiter nach anderen Kriterien ausgesucht werden. Was nutzt ein pompöser, beruflicher Lebenslauf, wenn ein potenzieller Arbeitnehmer sich nicht rasch ändernden Anforderungen eines Betriebes anpassen kann? Man nimmt lieber einen bereits ausgebildeten Mitarbeiter mit passenden Fähigkeiten, um ihn im Betrieb zu spezialisieren. Talente, Auffassungsgabe und Flexibilität sind dann ausschlaggebend, ob Arbeitnehmer reüssieren.

Wird der Arbeitsmarkt der Zukunft genügend Arbeitsplätze aufweisen, bzw. wird es überhaupt für alle notwendig sein, beruflich tätig zu sein?

Arbeiten zu gehen, ist eine Sinnfrage, daher wird es politisch immer notwendig sein, für Arbeitsplätze und die bestmögliche Ausbildung zu sorgen. Das ist einfach eine der wichtigsten Säulen einer funktionierenden Gesellschaft.

Das Interview führte Werner Pelz

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