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Wien basisdemokratisch

Die Bundeshauptstadt nimmt sich kein Vorbild an der Gemeinde Vorderstoder, die ihre Bürger bei der Erstellung des Gemeindehaushalts beteiligt*. Eigentlich schade, das hätte lustig werden können. Satire von Robert Koch.

Ernst-Happel-Stadion im Wiener Prater. Bürgermeister Michael Häupl und seine grüne Vize Maria Vassilakou am Spielfeld, umringt von 50.000 Beteiligungswilligen.

Häupl: Es ist mir ein Volksfest, dass sich heute mehr Bürgerinnen und Bürger beteiligen als beim letzten Match Austria gegen Rapid.
Vassilakou: Schön hast das gesagt. Was ich noch ergänzen möcht’, ist, dass wir uns unglaublich auf Ihren Input freuen.
Häupl (wischt sich den Schweiß von der Stirn): I g’frei mi a scho sehr.
Vassilakou: Und weil wir Grünen wissen, wie man direkte Demokratie lebt, haben wir beim Eingang Nummern ausgegeben. Also bitte, Nummer 1 ans Mikro.
Nr. 1: Grüß Gott, ich bin Mag. Manfred Juraczka, Sie kennen mich schon.
Vassilakou: Kennst du den, Michi?
Häupl: Na. – Moment, ist des ned der neue Häuptling von der Wiener ÖVP?
Nr. 1: Landesparteiobmann und Stadtrat, bitte.
Vassilakou: Sag’ Michi, hast du dem die Nummer 1 geben?
Nr. 1: Nein, ich campiere seit zwei Wochen vor dem Stadion. Schließlich vertrete ich 150.000 Wiener, denen die Parkpickerl-Ausweitung auf den Allerwertesten geht. Ich fordere ein Gratispickerl für alle Wiener und Pendler und ein gratis Autopflegeset dazu.
Zwischenruf aus dem Publikum: für meine Hotelgäste auch!
Vassilakou: Ruhe im Publikum! Nummer 2, bitte.
Nr. 2: Die Hundstrümmerl san no viel schlimmer als das Parkpickerl.
Häupl: Das Thema hamma wirklich schon breit genug getreten. Nummer 3.
Nr. 3: I bin jetzt Taxler seit 33 Johr ...
Vassilakou: ... und der Sprit ist zu teuer. Nummer 4, bitte.
Nr. 4: Freundschaft, ich bin die Erika und 104 Jahre alt. Das Parkpickerl ist viel zu billig und es gibt viel zu wenig Zebrastreifen in Wien. Der nächste ist so weit weg, dass ich 105 bin, wenn ich dort ankomm’.
Häupl: Frau Erika, das werd ma schon regeln. Ich ruf’ gleich morgen beim Tiergarten Schönbrunn an. Dann können ’s mit einem Zebra durch die Stadt streifen.
Vassilakou: Das wär’ ja Tierquälerei.
Nr. 5: Ich seit 20 Jahren gut Wiener, aber nix gut, wenn kommt Ausländer, was nix sprechta Deutsch.
Vassilakou: Darf ich fragen, wer Sie geschickt hat?
Nr. 5: Ich nix sagen. Ich Urlaub in Kärnten und neue Zähne.
Häupl: Nummer 6.
Nr. 6: Ich hätte der Stadt unglaublich rentable Offshore-Offlimit-Future-Derivate anzubieten. Steigen Sie ein, und wir brauchen uns über sonst nix mehr Sorgen zu machen.
Vassilkou: Naja, Sorgen hamma eh genug. Nicht nur wegen Griechenland. Nummer 7!
Nr. 7: Apropos. Wir zahlen alle so viel Steuern, dass die Stadt ein paar griechische Inseln kaufen könnte. Alle Wiener bekommen dann 14 Tage Urlaub dort. So hätten wir mit einem Schlag den Euro und die AUA gerettet – und wieder Platz auf der Südost-Tangente.
Vassilakou: Na, ich weiß nicht ...
Häupl: Heast, Mary, i glaub, das besprech' ma beim Heurigen.
Vassilakou: Wenn ’s einen Retsina dort haben, gern.
Häupl: Alle, die heut’ ned dran gekommen sind, lad ich ein, zu Ostern noch einmal zu kommen. Und dann nemma alle drei Monate wieder sieben Leute dran.
Vassilakou: Lass mich mal nachrechnen, dann sind wir ja erst für ’s Budget im Jahr 3797 fertig.
Häupl: Da sag’ no einmal, dass i ned weit voraus denk’!

 


Info: * Die Gemeinde Vorderstoder gewährte ihrer Bevölkerung im April Einblick in die Gemeindefinanzen. In einer weiteren Veranstaltung wurden Vorschläge für künftige Budget-Schwerpunkte gesammelt und – zur Budgetentlastung – verschiedene Aufgaben an Bürger übertragen.

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