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Vom guten Mut

Kommentar von Eva Rossmann
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Eva Rossmann ist Juristin, Journalistin, staatlich geprüfte Köchin und Autorin. Ihr neuestes Buch: Evelyns Fall - Ein Mira-Valensky-Krimi Edith Walzl
Ich bin nicht besonders mutig. Wo die Hauptfigur meiner Krimis, die Mira, nachsieht, würde ich wohl bloß hinschauen und dann davonrennen, die Polizei oder sonst jemanden holen, der berufs- oder talenthalber mit möglicher Gefahr umgehen kann.
Na gut, eigentlich ist auch die Mira nicht immer mutig. Sie wär eigentlich für das bequeme Leben. Was sie treibt, ist ein gewisser Gerechtigkeitssinn. Das Bedürfnis, hinter den „schönen Schein“ zu blinzeln und herauszufinden, was dort lauert. Und in Beziehungssachen ist sie überhaupt vorsichtig. Jahre hat es gebraucht, bevor sie zu ihrem Oskar gezogen ist. Nicht, weil sie ihm oder ihrer Beziehung nicht traut, sondern weil Unabhängigkeit ein hoher Wert für sie ist.
„Den“ Mut gibt es nicht. Einen, der immer mutig ist, halte ich für phantasielos, gedankenlos oder schlicht dumm. Ich weiß nicht, was das schlimmste ist. Wohl die Phantasielosigkeit.
Guter Mut ist: Phantasie zu haben UND Veränderungen zu wagen. Träume zu haben UND sie verwirklichen. Privat ist jede Zeit dafür die richtige. Manchmal sind es große Umbrüche, die anstehen. Oft aber kleine, die nicht im Alltag untergehen sollten. Auch eine neue Haarfarbe kann‘s bringen (allein durch die Reaktion der Umgebung, die einem das nie zugetraut hätte). Endlich Mundharmonikastunden zu nehmen, obwohl man doch für nichts Zeit hat. Nicht abzunehmen, sondern bewusst Lebensmittel zu kaufen, die nicht tausende Kilometer gereist sind.
Öffentlich war die Zeit, guten Mutes zu sein, noch selten so geeignet wie jetzt. Die Veränderungen nicht einfach „passieren“ zu lassen, sondern zu überlegen: Ist es nicht hoch an der Zeit, neue Konzepte des Wirtschaftens, des Zusammenlebens zu entwickeln? Nicht nach der neoliberalen Theorie, laut der Rücksicht die Feindin des (unternehmerischen) Mutes ist. Sondern im Gedanken, dass es uns besser geht, wenn es denen rund um uns auch besser geht.
Wer sagt, dass unsere Wirtschaft immer „wachsen“ muss? Für wen „wächst“ sie? Vielleicht brauchen wir in Mittel- und Westeuropa gar nicht mehr, sondern anderes. Wer bitte will, dass wir „mir“ bleiben sollen? Immer unter sich zu bleiben, ist ganz schön öd.
Vor sehr kurzer Zeit ist eine meiner besten Freundinnen gestorben. Völlig überraschend. Wohl an einer Pilzvergiftung. Sie war viele Jahre zu Hause, hat die Nebenerwerbslandswirtschaft betreut, ist auf den Markt gefahren, hat sich um die Familie gekümmert. Als die Söhne größer wurden, hat sie gespürt, dass sie Veränderung braucht. Sie hat Kurse gemacht und wurde Kindergartenhelferin. Eine sehr beliebte. Bei ihrem Begräbnis waren mehr Menschen da als bei so mancher Totenfeier einer angeblich wichtigen Person. Auch Türkinnen sind gekommen. Sie hat ihre Kinder betreut und sich darum gesorgt, ob ihre Mütter bei uns ordentlich leben können. Maria hat in ihrer ruhige, unspektakulären Art viel Mutiges getan, von dem die meisten nur reden. Wir sollten mit dem, was wir ändern wollen, gleich anfangen. Und miteinander und unserer Welt liebevoll umgehen.

Eva Rossmann
ist Juristin, Journalistin, staatlich geprüfte Köchin und Autorin. www.evarossmann.at

Ihr neuester Krimi:
Evelyns Fall - Ein Mira-Valensky-Krimi, erschienen im Folio-Verlag

Der Tod der Sozialhilfeempfängerin Evelyn Maier interessiert die Behörden nicht. Nur ihre Tochter Céline glaubt nicht an einen Unfall. Die Wiener Journalistin Mira Valensky und ihre bosnisch stämmige Freundin Vesna Krajner gehen den Spuren ihres Lebens nach. Doch bald geht es Mira um viel mehr als darum, den Mordfall zu klären: Sie will Gerechtigkeit für eine Außenseiterin.


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