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Verstehen Sie Ihr Kind?

"Erziehung ist eine wunderbare Spielwiese für Spekulanten." Gastkommentar von Dr. Herbert Renz-Polster

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Dr. Herbert Renz-Polster (Foto: Hudelmayer)

Kinder verhalten sich oft nicht so, wie es ihre Eltern von ihnen erwarten: Babys weinen ohne Angabe von Gründen und sie wollen partout nicht im eigenen Bettchen schlafen. Kleinkinder essen kein Gemüse, dafür Süßigkeiten ohne Grenzen. Sie bekommen aus heiterem Himmel Wutanfälle und lassen sich beim Sauberwerden endlos Zeit. Von der Pubertät will ich gleich gar nicht anfangen.

Es hat sich eingebürgert, die für uns Großen "schwierigen" Verhaltensweisen als Defizite zu sehen: die Kinder sind eben noch nicht in der Lage, sich verständlich zu machen. Sie wollen verwöhnt werden. Ihre Blasenfunktion ist noch „unreif“. Ihr Gehirn eine Baustelle. Oder sie tragen mit ihrem Verhalten irgendwelche Konflikte aus – mit sich, der Mutter oder ihrem Über-Ich. Oder sie sind einfach „unerzogen“.

Ich glaube, wir sollten uns gut überlegen, ob diese Sicht in der Erziehung wirklich weiter hilft. Denn wie Kinder sich entwickeln, hat sich in der Menschheitsgeschichte eingeschliffen, von Generation zu Generation. Das Muster, nach dem sie groß werden, hat sich als Antwort auf die Herausforderungen gebildet, vor denen die Kinder in der Geschichte immer wieder standen. Kinder haben ihre "seltsamen" Verhaltensweisen nicht entwickelt, um ihre Eltern über den Tisch zu ziehen, sondern weil es einmal gut für ihr Gedeihen war. Ihr Verhalten ist als Stärke entstanden, nicht als Defekt. Hätten Kleinkinder früherer Jahrhunderte auf der Wiese wahllos grüne Blätter in den Mund gesteckt, hätten sie nicht lange überlebt. Kein Wunder, dass Kinder auch heute noch Gemüse skeptisch beäugen! Und dass kleine Kinder nicht gerne alleine einschlafen? Zu 99 Prozent der menschlichen Geschichte wäre ein Kind, das gerne für sich unter den viel besungenen Sternlein am Himmel eingeschlafen wäre, ein totes Kind gewesen. Es wäre von Hyänen verschleppt, von Nagetieren angeknabbert oder bei einem nächtlichen Temperatursturz unterkühlt worden.

Statt nach dem zu suchen, was unseren Kindern fehlt, sollten wir andersherum fragen. Was bringt es dem Kind, so zu sein – und nicht anders? Also: Was hat das Kind davon, kein Gemüse zu essen? Was hat es davon, den Teller nicht leerzuessen? Was hat es vom Trotzen, was von dem Geschrei, wenn es alleine einschlafen soll?Das schützt uns vor etwas, das in der Erziehungsdebatte leider an der Tagesordnung ist: hemmungsloses Geschwätz. Schauen wir nur einmal 50 Jahre zurück, so stehen wir vor einem Rätsel: Wie war es nur möglich, so viele Theorien und Annahmen über Kinder zu produzieren - die sich zudem oft komplett widersprechen? Es ist bemerkenswert, wie oft in der Erziehung das Pendel hin und hergeschwungen ist. Dabei hatten es die Eltern doch immer mit genau den gleichen Kindern zu tun.

Sicher ist für mich deshalb nur eines: Erziehung ist eine wunderbare Spielwiese für Spekulanten. Und sie wird es bleiben, solange wir in der Erziehungsdebatte nicht neu Maß nehmen - und zwar an den Kindern, wie sie sich über Tausende von Jahren entwickelt haben. Warum? Weil unsere Kinder eine Geschichte in sich tragen. Und sie prägt ihr Leben, Lernen und Wachsen auch heute noch.


Dr. med. Herbert Renz-Polster ist Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg. In seinen Büchern beschreibt er die Entwicklung der Kinder aus dem Blickwinkel der evolutionären Verhaltensforschung. Mehr unter www.kinder-verstehen.de

Zuletzt erschienen:
MENSCHENKINDER- Plädoyer für eine artgerechte Erziehung, Kösel Verlag

Vortrag: „Born to be wild – Die Bedürfnisse des Kindes aus der Sicht der Evolution“ am 11.4.2013, 20.00 Uhr, SPES Zukunftsakademie, 4553 Schlierbach

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