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Veganer Genuss – und KEINE Diskussion

Genussgrübeleien von Jürgen Schmücking

Es war einer dieser Abende, an denen sprichwörtlich einfach alles passt. Zwei steirische Winzer, einer bio, der andere biodynamisch, luden zum Kulinarium ins südsteirische Sausal. Karl Schnabel und Christoph Heissenberger vom Weingut Hirschmugl stellten die Weine, gekocht und gegrillt hat Norbert Fiedler. Das an sich ist schon eine kleine Sensation. Der Waldviertler war vor etwa 10 Jahren ein echter Szeneliebling (Taubenkobel, Urania). Irgenwann hatte er die Nase voll. Jetzt verkauft er 3 Tage in der Woche (Waldviertler) Schuhe im Waldviertel, 2 Tage steht er in der Kantine. In der Steiermark hat er wieder einmal sehr deutlich gezeigt, wo der Bartel den Most holt.

Das Menü „Dem Sausal verbunden“ war ein sensationeller, filigraner, abendfüllender Fünfgänger mit atemberaubenden Kombinationen wie ‚Rübe – Limette – Kren – Dinkel’ oder ‚Kürbis – Eierschwammerl – Ingwer – Liebstöckl’. Allesamt großes kulinarisches Kino. Geschmacklich ebenso wie optisch. Den Vogel hat letztlich aber das Dessert abgeschossen ‚Schokolade – Fenchel – Zwetschke’ war ein so grandios-üppig verführerisches Dessert, dass es eine Freude war. Das ganze Menü war natürlich vegan. Nur hat das niemanden wirklich interessiert.

Orts- und Szenenwechsel. Wir sind jetzt in Wien, mitten in Neubau, dem Boboville Österreichs. Veganista Ice Cream ist ein Startup der Schwestern Susanna Paller und Cecilia Blochberger. Das Eis, das die beiden über den Laden reichen ist phänomenal. Neben den Dauerbrennern Vanille, Schokolade oder Banane gibt es da noch so schräge Dinge wie Basilikum (extrem gut) oder Matcha (auch nicht übel). So richtig köstlich wird es aber erst bei den „Cuvées“. Orange-Olivenöl-Safran gehört meines Erachtens zu den besten Eissorten der Saison. Wem das zu experimentell ist, sollte entweder Erdbeer-Agave oder Zitrone-Melisse probieren. Und ja, wie der Name schon sagt, vegan ist das Eis auch. Nur ist das kaum der Grund, warum sich vor dem Salon oft eine große Traube bildet.

Das sind nur Beispiele. Aber sie haben Strahlkraft. Immer öfter werden vegane Ideen über Hedonismus und Genuss gespielt und nicht über Verzicht und erhobenem Zeigefinger. Die Diskussion um die ethische und/oder ökologische Rechtfertigung des veganen Lebensstils ist zur Zeit ein wenig mühsam. Erst kürzlich veröffentlichte die taz einen Artikel von Ulrike Gonder, in dem sie sinngemäß sagt, dass Biolandbau und Vegetarismus einander ausschließen, weil die biologische Landwirtschaft durch ihren Verzicht auf mineralische Dünger eben auf Tiere als Düngemittellieferanten angewiesen sei. Dem Argument mag ja noch einiges abzugewinnen sein. Allein – es fehlen die Hinweise auf Fakten und Studien. Gänzlich abstrus wird es, wenn die Autorin den Veganern kollektiven Massentiermord vorwirft. Immerhin leben im Bohnenacker ja Milliarden von Einzellern, Würmern und Bakterien. Von den Wühlmäusen und Feldhasen, die jährlich von den Erntemaschinen geschreddert werden, ganz zu schweigen.

Ich bin kein Veganer. Ich habe auch keine Ambitionen, einer zu werden. Mir gefällt auch nicht, dass „vegan“ die neue Trendsau zu sein scheint, die im Moment durch jedes Dorf getrieben wird und Slogans wie „vegan ist das neue bio“ widern mich an. Wenn allerdings Leute wie Norbert Fiedler, die Wiener veganista-Geschwister oder Nico Curtil, der das sensationelle Chez Nico in Innsbruck betreibt, daherkommen und mein Leben mit sagenhaft guten Gerichten, Produkten oder Weinen bereichern, dann bin ich dabei. Dass diese Dinge vegan sind und mein Vergnügen auch noch einen sinnvollen Hintergrund hat, gefällt mir. Sehr sogar.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

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