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"Mit Bio bin ich wirklich Bauer geworden"

Interview mit Rudi Vierbauch, Obmann von Bio Austria, über seine Vorstellungen der Landwirtschaft der Zukunft.
Rudivierbauch
Rudi Vierbauch ist seit 1986 Biobauer in Kärnten und seit 2007 Obmann von Bio Austria, der Vereinigung der Biobauern Österreichs.

Warum sind Sie Biobauer geworden?

Nach einem Agrarökologiekurs haben meine Frau und ich 1986 gewusst, "Bio - das ist der Weg, der Sinn macht". Bei unserer Umstellung war das Wissen über den Biolandbau ganz am Anfang. Man musste viel miteinander reden, sich für alles interessieren: den Boden, die Pflanzen, die Tiere, den Markt, die Kundenbedürfnisse. Dadurch bin ich wirklich Bauer geworden. Eine prägende Erfahrung aus dieser Zeit ist, dass alles funktioniert, was man vernünftig, mit Wissen und Erkenntnis, angeht.

Die Lebensmittelpreise sind deutlich gestiegen. Verdienen die Biobauern jetzt besser?

Die steigenden Lebensmittelpreise sind die Folge höherer Erzeugerkosten um bis zu 70%. Diese Preissteigerung kann bei vielen Produkten im Verkaufspreis nicht untergebracht werden. Deshalb bedeuten steigende Lebensmittelpreise nicht automatisch höhere Einkommen für die Bauern.

Wie reagieren die Bio-Konsumenten auf die Preissteigerungen?

Vom großen Trend her hat sich nichts geändert: Biologische Lebensmittel werden weiterhin gekauft. Menschen die sich für Bio entschieden haben, werfen ihre Prinzipien nicht einfach über Bord. Sie kaufen jetzt vielleicht bewusster ein.

Man muss aber auch sagen, dass über Lebensmittelpreise in den letzten 30 Jahren kaum diskutiert wurde, weil sie immer billig waren und sogar billiger wurden. Und jetzt werden sie auf einmal teurer. Natürlich ist das überall ein Thema.

Wichtig ist, dass die Konsumenten Bio weiter wollen und bekommen, dass Handel und Verarbeiter Bio als wichtigen Teil ihres Unternehmens sehen. Und wir Bauern garantieren, dass sie sich auf Bio aus Österreich, auf die Bio Austria Qualität verlassen können.

Zunehmend kommen Lebensmittelmarken mit "Bio-Touch" auf den Markt. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Es ist ein subtiler Weg einer konventionellen Marke ein Öko-Mascherl umzuhängen. Die Konsumenten werden sich noch schwerer tun zu unterscheiden. Politisch sind diese Produkte stärker gewollt als Bio, damit mehr Bauern am Markt Chancen haben, ohne, dass sie in ihrer Produktion viel verändern. Diese Kurzsichtigkeit wird uns allerdings  auf den Kopf fallen. Das verwässert den Bio-Markt und führt die Konsumenten bewusst auf eine falsche Spur. Wie willst Du einem Konsumenten Bio und eh beinahe-Bio erklären. Das gibt's nicht. Die echten Biobauern, die sich nach strengen Richtlinien in ihrer Arbeit richten und das auch durch jährliche Kontrollen nachweisen müssen, werden damit vor den Kopf gestoßen. 

Kann die Biolandwirtschaft die Welt-Bevölkerung ernähren?

Ja selbstverständlich! Das System der Biolandwirtschaft - durch gute Kreisläufe, die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen - ist genau die Lösung. Die Ernähung der Welt sicher zu stellen ist eine Frage der Gerechtigkeit, der Bildung, der Verteilung und Verwendung von Lebensmitteln.

Die Befürworter der Gentechnik sind da anderer Meinung. Ist das ein zukunftsfähiger Weg?

Nein, ganz sicher nicht. Mit der Gentechnik werden viele Versprechungen gemacht: Ernährung für die Weltbevölkerung und Umweltschutz durch weniger Pestizideinsatz. Damit wird versucht, der Gentechnik ein positives Image zu verpassen. Eine Handvoll globaler Großkonzerne hat ihre Produkte patentrechtlich schützen lassen, um Abhängigkeit und Einfluss sicherstellen zu können. Es geht um Macht und Position in der weltweiten Lebensmittelversorgung. Fragen nach dem Risiko und der Verträglichkeit werden dabei nicht berücksichtigt. In Österreich hat es ein sehr erfolgreiches Volksbegehren für Gentechnikfreiheit in der Lebensmittelerzeugung gegeben. Dieses zivile Gewissen und Engagement brauchen wir auch in Zukunft damit sich die Biolandwirtschaft weiter entwickeln kann.

Wie wird sich der Klimawandel auf die Landwirtschaft auswirken?

Die Landwirtschaft ist ganz besonders auf das Klima angewiesen. Und umgekehrt hat die Landwirtschaft auch einen relevanten Einfluss auf den Klimaschutz. Der Vorteil im Biolandbau ist, dass wir einen Weg gefunden haben, Landwirtschaft klimafreundlich zu betreiben: Wenn ich meinen Boden besser behandle, eine bessere Struktur habe, kann ein Unwetter dem Boden nicht so stark schaden. Durch die stärkere Bewurzelung halten Pflanzen Trockenheit besser aus. Durch den Anbau unterschiedlichen Kulturen entwickelt sich ein aktives Bodenleben und durch die intakte Humusschicht speichern Bio-Böden mehr CO2. Die Vielfalt in der biologischen Landwirtschaft bringt mehr Stabilität. Die Biobauern sind somit aktive Klimaschützer und die Bio-Konsumenten natürlich auch, weil sie unsere klimafreundliche Bio-Landwirtschaft fördern.

Wie sehen Sie die Zukunft der Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft spielt weltweit eine ganz essentielle Rolle. Sie bearbeitet eine Lebensgrundlage für die Menschen, den Boden. Der Biolandbau sieht das als besondere Verantwortung und schafft die Voraussetzung, dass das auch in Zukunft möglich bleibt. Der zweite Aspekt ist, dass um die Energie in Zukunft hart gekämpft werden wird. Die gesamte Landwirtschaft ist auf der Basis "Energie kostet nichts" aufgebaut. Es braucht einen Wechsel von energieintensiven zu Low-Input-Systemen, die wenig verbrauchen. Die Biolandwirtschaft hat hier viel Knowhow aufgebaut und zeigt, dass es geht. Im Endeffekt ist die biologische Landwirtschaft nichts anderes als ein wichtiger Entwicklungsschritt in Richtung Zukunft der Landwirtschaft als Gesamtes.

Was braucht es für die Zukunft?

Das ist eine wichtige Frage für jeden Menschen: Was brauche ich? Was will ich erreichen, was will ich mir leisten, was muss ich mir leisten? Menschen tragen viele Unterschiede in sich und auch wie sie unterschiedliche Herausforderungen meistern. Für mich persönlich ist Bescheidenheit etwas ganz Wesentliches, um neue sinnvolle Perspektiven zu finden.

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