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Es ist Zeit für Ernährungssouveränität!

Eine Veränderung unseres Lebensmittel- und Agrarsystems ist ein erster Schritt zu einem breiteren Wandel in unserer Gesellschaft. Kommentar von Irmi Salzer

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DI Irmi Salzer ist Biobäuerin, Mitarbeiterin der ÖBV Via Campesina Austria (Österreichische Berg- und Kleinbäuer_innenvereinigung). Elevate Festival

Die katastrophale Hungersnot am Horn von Afrika ist derzeit in aller Munde. Ihre Ursachen sind komplex, doch eines ist klar: Nicht nur Dürre und lokale Konflikte sind dafür verantwortlich. Die internationale Handelspolitik, Landraub, fehlende Nahrungsmittelreserven, unzureichendes Wassermanagement und Spekulationen tragen zur Verschärfung dieser und anderer Katastrophen in den ärmsten Ländern der Welt bei.
Das Beispiel Äthiopien zeigt, wie Profitinteressen und der immense Landhunger - vorangetrieben von der europäischen Agrartreibstoffpolitik - die Überlebensgrundlagen der armen Bevölkerung zerstören. Obwohl schon vor der Dürre 2,8 Millionen Menschen in Äthiopien von Nahrungsmittelhilfe abhängig waren, bot die äthiopische Regierung mehr als 3 Millionen Hektar des fruchtbarsten Landes ausländischen Investoren zum Verkauf an. In den letzten Jahren wurden mehr als 50 Millionen Hektar Land (und somit auch Wasserreserven) an Hedge- und Pensionsfonds, Investmentbanken, ausländische Regierungen und Privatinvestoren verkauft. KleinbäuerInnen werden so buchstäblich von ihren Existenzgrundlagen abgeschnitten.

Europäische Regierungen und die internationale Gemeinschaft müssen daher nicht nur rasche Hilfe leisten, sondern einen fundamentalen Wandel ihrer Agrar- und Ernährungspolitiken einleiten.

Ein Meilenstein für ein anderes Landwirtschafts- und Ernährungssystem fand im August in Krems statt: Beim ersten europäischen Forum für Ernährungssouveränität NYELENI Europe trafen BäuerInnen, AktivistInnen, und KonsumentInnen aus 34 europäischen Ländern sowie Delegierte aus Afrika, Asien, Süd- und Nordamerika zusammen. Sie diskutierten Europas Verantwortung an der aktuellen Hungerkrise sowie Strategien, wie sozial und ökologisch nachhaltige Alternativen zum derzeitigen Landwirtschafts- und Ernährungssystem verwirklicht werden können. In der gemeinsam erarbeiteten Deklaration heißt es, dass nur eine vollkommene Neuorientierung der Lebensmittel- und Agrarpolitik die Richtung ändern kann, in welche dieses nicht funktionierende Lebensmittelsystem steuert. Es sei unerlässlich, die Lebensmittel- und Agrarpolitik, besonders in Europa, nach den Prinzipien der Ernährungssouveränität umzugestalten – und zwar sofort. Eine Veränderung unseres Lebensmittel- und Agrarsystems ist ein erster Schritt hin in die Richtung eines breiteren Wandels in unserer Gesellschaft.

Das Konzept der Ernährungssouveränität hat sich als Kritik am neoliberalen System und als Alternative für lokale, regionale und internationale Lebensmittel- und Landwirtschaftspolitik etabliert. Alle Menschen und sozialen Bewegungen Europas sind aufgerufen, gemeinsam für grundlegende Veränderungen im Agrar-und Lebensmittelsystem einzutreten!

Irmi Salzer war im Vorbereitungsteam des Nyeleni Forums. Die gesamte Nyeleni-Deklaration sowie weitere Infos finden sich unter www.nyelenieurope.net


 

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