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DIGITAL & CIRCULAR. Wege in die Kreislaufgesellschaft.

Im MAK im Rahmen der VIENNA BIENNALE von 23. Juni bis 3. Oktober 2021 zu sehen.

Grafik von Metallteilen zum Kreis angeordnet vor gelbem Hintergrund.
DIGITAL & CIRCULAR. Wege in die Kreislaufgesellschaft. EOOS NEXT/Process – Studio for Art and Design, Über Beton und Bäume, 2021. Bild: Process – Studio for Art and Design.

Die Ausstellung Ausstellung DIGITAL & CIRCULAR: Wege in die Kreislaufgesellschaft zeigt, wie Digitale Innovationen dazu beitragen können, das Ideal einer kreislauforientierten Gesellschaft voranzutreiben. Im Zentrum der Ausstellung steht ein Forschungsprojekt des Sozialökologen a.o. Prof. Helmut Haberl (Institut für Soziale Ökologie, BOKU – Universität für Bodenkultur, Wien), das die Materialbestände in Österreich in bisher unerreichter Genauigkeit analysiert. EOOS NEXT und Process Studio machen die Ergebnisse dieser Forschungen in einer raumgreifenden Installation im MAK-Kunstblättersaal
zugänglich.

Sie zeigen damit auch eine neue Rolle für Designschaffende in der Zukunft auf: die Gestaltung gesellschaftlicher Veränderung auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse. Unter den von der österreichischen Gesellschaft angehäuften Materialbeständen wiegen jene Materialien, die in der Bauwirtschaft zum Einsatz kommen, am schwersten. Um diese zu erfassen, hat eine Arbeitsgruppe rund um Helmut Haberl Fernerkundungsdaten von zwei Satelliten des Europäischen
Weltraumprogramms Copernicus in Kooperation mit Kolleg* innen der Humboldt-Universität zu Berlin mit Hilfe eines selbstlernenden Computerprogramms ausgewertet. Aus einer Kombination von Big Data und Ansätzen der industriellen Ökologie wurden jedes Haus, jede Straße und sämtliche andere Infrastrukturen und Gebäude in Österreich dreidimensional erfasst und deren Typ, Masse und Materialzusammensetzung kartiert.

Im Rahmen der Biennale entstand das Schwerpunktprojekt Über Bäume und Beton. Flächenversiegelung in Österreich, das zahlreiche Aspekte der Forschungsaktivitäten in einem interdisziplinären Designprojekt verdichtet und den Blick auf das große Ganze lenkt.

„Während die Natur keinen Müll produziert, sondern in Kreisläufen lebt, hat die fossile Industrialisierung das zerstörerische Gegenmodell der linearen Wirtschaft und Gesellschaft, das ‚take-make-waste‘ entwickelt, in der man Ressourcen extrahiert, damit produziert und die Erzeugnisse nach Gebrauch als Abfall entsorgt.“, so Christoph Thun-Hohenstein, Leiter der VIENNA BIENNALE und Generaldirektor des MAK.

Für die Ausstellung DIGITAL & CIRCULAR. Wege in die Kreislaufgesellschaft entwickelten EOOS NEXT und Process Studio vier Installationen, die jeweils einen wichtigen Aspekt der Kreislaufwirtschaft thematisieren:

DATENGENERIERUNG
Eine Projektion zeigt den aufwendigen Prozess der Digitalisierung der Materialbestände Österreichs durch Fernerkundung, Crowdsourcing, industrielle Ökologie und selbstlernende Computerprogramme in einer noch nie dagewesenen Auflösung von 10 x 10 Metern.

NEUE LANDKARTEN
Großformatige Landkarten (1,5 x 3 m) zeigen die Verteilung der Masse von Bäumen, Häusern, Straßen und Infrastrukturen auf Österreichs Fläche. Die Daten wurden in einem aufwendigen, grafischen Verfahren von Process Studio visualisiert und als Digitaldruck umgesetzt. Eine Karte zeigt die Bestände an lebenden Pflanzen, eine andere Karte die schon weit fortgeschrittene Flächenversiegelung Österreichs. Die beiden Karten repräsentieren auch die beiden grundlegenden Prinzipien der Kreislaufwirtschaft: den technischen und biologischen Kreislauf.

MASSENVERHÄLTNISSE
Ziel des BOKU-Forschungsprojektes war es unter anderem, die Material-Massen von Infrastruktur und Gebäuden abzuschätzen und zu kartieren. Für die MAK-Ausstellung wurden sie mit Informationen zu den biologischen
Beständen (Bäume) kombiniert. Die von den Menschen weltweit bis heute angehäuften Materialbestände in Gebäuden und Infrastrukturen entsprechen etwa der Biomasse der Landpflanzen der Erde. Die großen Massenströme, die für den Aufbau und die Reproduktion dieser Bestände laufend nötig sind, haben direkten und indirekten Einfluss auf die Klimakrise.
Ein aktueller Artikel im angesehenen Wissenschaftsjournal Nature (Global human-made mass exceeds all living Biomass, Elhacham et. al., 2020) zeigt auf, dass es weltweit doppelt so viel Plastik wie Tiere gibt, und die Masse an Gebäuden und Infrastruktur die Biomasse bereits überholt hat.

Österreich übertrifft diese alarmierenden Zahlen. Hier gibt es bereits doppelt so viel Masse in Häusern und Infrastrukturen wie Biomasse. Diese kritische Situation veranschaulichen in der Ausstellung eindrücklich drei hängende, gleich schwere Sonnengläser (Laternen), die Häuser, Straßen und Bäume repräsentieren – als fragiles Mobile im Raum.

KUGELBAHN DER LINEAREN WIRTSCHAFT
Landkarten visualisieren nur einen Teilaspekt unseres Umweltproblems in Form des Flächenverbrauchs. Für ein besseres Verständnis unserer linearen Wirtschaft übersetzte EOOS NEXT die Daten aller Materialströme in Österreich in eine Kugelbahn. Die bewegten Materialströme werden in diesem dynamischen Modell mit den schon angehäuften Materialbeständen systemisch vernetzt. Der größte Materialstrom wird nämlich nicht zu Müll oder recycelt, sondern geht in Bestände. Jedes Jahr kommen unglaubliche Mengen an Materialien zu den bereits bestehenden Beständen dazu.
Fast tausend Stahl- und Holzkugeln machen diese Problematik in der Ausstellung deutlich. Die Daten stammen ebenfalls aus der Forschungsgruppe der BOKU und wurden eigens für das MAK-Projekt aufbereitet. Die Kugelbahn als Medium ermöglicht einen niederschwelligen Zugang zur problematischen Struktur unserer derzeitigen Wirtschaftsweise. Das Modell
lädt gleichzeitig dazu ein, diese Struktur in Richtung Kreislaufgesellschaft umzudenken und umzubauen. Eigentlich kinderleicht: die Kugeln länger in Bewegung halten, weniger Kugeln verwenden und die enormen Kugelbestände wieder neu ins Spiel bringen. Die Natur zeigt es vor: Dort ist die Biomasse seit der Industrialisierung nahezu unverändert, Abfallberge
kennt die Natur sowieso nicht. Die Energie liefert ausschließlich die Sonne.

Eine Karte von Österreich in der sich schwarz verbaute Gebiete von nicht verbauten in weiß abheben.
DIGITAL & CIRCULAR. Wege in die Kreislaufgesellschaft. Bild: EOOS NEXT/Process – Studio for Art and Design.

www.mak.at/digitalandcircular