zum Inhalt springen

Die Geschichte von Sonne und Boden

Editorial von Annemarie Herzog

Auf meinem Teller liegt ein Paradeiser, frisch gekauft, leuchtend rot und schön gleichmäßig rund. Ich schneide die Frucht in Viertel. Die Stücke verlieren kaum Saft, bleiben in Form. Sie schmecken unauffällig, nicht schlecht aber nicht so süß, wie die voll ausgereiften Paradeiser aus meinem Garten, bevor die Krautfäule sämtliche Stauden erfasst und die halbreifen Früchte mit braunen Flecken überzogen hat. Für heuer ist die eigene Ernte vorbei. Es war ein nasses Jahr und die Pflanzen in den Nachbargärten sehen kaum besser aus.

Der Handel und die Landwirtschaft können sich solch massive Ausfälle nicht erlauben. Sie brauchen ausreichende Mengen in gleichbleibender Qualität – und das wenn möglich immer billiger. Weil die natürlichen Systeme „Boden“ und „Witterung“ eine zuverlässige Planung erschweren und sich vor allem die Böden nicht noch mehr ausbeuten lassen, weicht man auf neue Produktionsmethoden aus: „Nährlösung“ heißt das Zauberwort. Die Pflanzen „hängen am Tropf“, stehen unter Glas, vor Regen, Wind und tierischen Besuchern geschützt. Abgeschottet von den Widrigkeiten des Lebens wachsen sie schnell, bringen Früchte von makellosem Äußerem hervor - so wie es dem Handel gefällt. Ob sie schmecken, bleibt dahingestellt. Dass sie „keine Geschichte von Sonne und Boden erzählen können“ - wie es Biobauer Werner Michlits formuliert - ist unbestritten.

Die neuen Methoden sind aufwändig, kosten viel Energie und Geld, über das nur Großagrarier verfügen. Doch damit sind sie am Markt wettbewerbsfähig – zumindest so lange, bis sie von noch neuerer Technik, noch finanzkräftigeren Konkurrenten überflügelt werden. In der Biolandwirtschaft wachsen die Pflanzen noch in der Erde – aber werden die Biobauern dem wachsenden Druck Stand halten können? Und was wollen die Konsumenten? Diesem Thema widmet sich der Schwerpunkt der aktuellen LEBENSART - weil eine nachhaltige Landwirtschaft besser für alle ist, für große und kleine Bauern ebenso wie für uns, die wir einfach gut und gesund essen wollen.



Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen