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Die andere Waagschale der co2-Bilanz

Genussgrübelein von Jürgen Schmücking

Allerortens wird gegessen, um die Welt zu retten. Wir wissen mittlerweile, dass unsere Lebensmittelproduktion klimarelevant ist und fordern bio, saisonale Küche, regionale Rezepte und CO2-neutrales Catering. Mit Freude haben wir vernommen, dass die Kuh kein Klimakiller ist. Schuld ist vielmehr das agro-industrielle System, das durch seine Stallsysteme und Haltungskonzepte die Rindviecher nicht mehr auf die Weide lässt. Zum Glück gibt es noch (und wieder) die Bauern vom alten Schlag, die da ganz anders handeln. Bei ihnen bekommen wir, was wir begehren. Den Mangalitzaspeck, das Schulterscherzl vom Waldviertler Blondvieh oder den Schlögel vom Bio-Lamm. Alles wunderbar – nur zwei Aspekte bringen mich regelmäßig ins Grübeln.

Das Eine ist der Beschaffungsaspekt, und da kommt – klimarelevant – doch einiges zusammen. Es ist ja nicht gerade so, dass wir derartige Produkte im Supermarkt finden. Und Lebensmittel „ab Hof“ zu kaufen, hat einen nicht zu unterschätzenden Erlebnisfaktor. Quasi Bodenständigkeitssehnsucht. Also holen wir die 150 PS-4WD SUV’s (Stichwort Bodenständigkeitssehnsucht) aus unseren Stadt- und Vorstadt-Garagen und fahren zum Bauern. Hoffentlich wird er nicht allzu dreckig, der Off-Roader. Die Waldviertler Initiative Porcella umgeht das Problem und bietet eine intelligente Logistiklösung an. Per Post. Hin und wieder kann man das (übrigens sensationell gute) Biofleisch auch in Wien abholen.

Der andere Aspekt betrifft die Zubereitung. Der Sommer steht vor der Tür und überall im Land werden die Griller entstaubt und Kohlelager angelegt. Erst kürzlich flatterte folgender Text in die Mailbox: „Habt Ihr schon mal bei 800 Grad gegrillt? Nö? Dann wird's aber Zeit! Ab morgen könnt Ihr im neuen Heft eine Reportage über den Beefer lesen, den heißesten Grill Deutschlands.“ Es geht also um heisser, größer, besser. Männerzeug halt. Dabei ist der grillbedingte Holzkohleverbrauch alles andere als irrelevant. Über 12.000 Tonnen verbraten wir jährlich beim BBQ. Die Holzkohle kommt dabei entweder aus Serbien, Bosnien-Herzegowina oder aus Südamerika (Paraguay und Argentinien). Die Kohle ist dort zwar Nebenprodukt der Rodungen für Viehzucht und Soja-Anbau, was aber nicht bedeutet, dass man sie völlig freisprechen kann. Sowohl die Produktion von Holzkohle, als auch das Grillen selbst, vergrößert – unter Einbeziehung aller Emissionen – den ökologischen Fußabdruck um ein paar Nummern.

Beim Auswärtsessen sieht die Situation nicht viel anders aus. Vorreiter wie der Floh in Langenlebarn nehmen Slow Food, Saisonalität und Regionalität radikal ernst und beziehen die Rohstoffe aus ihrer unmittelbaren Umgebung. ‚Radius 66’ heisst das Konzept und verarbeitet wird nur, was innerhalb dieser Grenze verfügbar ist. Nachvollziehbar nachzulesen im Nachhaltigkeitsbericht auf der Wirtshaushomepage. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass der Floh das so sensationell gut hinkriegt, dass Gäste aus dem ganzen Land (und auch aus anderen Ländern) angereist kommen, um hier zu essen. Nachdem bei der Klimarelevanz nicht nur die Herstellung/Zubereitung, sondern auch der Konsum berücksichtigt werden sollte, sieht dadurch die CO2-Bilanz wieder ganz anders aus. Das dem Wirt anzulasten wäre natürlich völliger Schwachsinn. Im Gegenteil. Wir brauchen mehr Leute mit solchem Engagement und so viel Kreativität. Viel mehr. Es sollte zur Selbstverständlichkeit werden. Wir brauchen mehr Leute wie Floh, Neunkirchner oder Irka im Land. 66 Kilometer sind eine hohe Latte. Aber sie ist machbar. Mit Engagement, Konsequenz und Leidenschaft. Gaumen und Planet werden dafür dankbar sein.

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Jürgen Schmücking auf den Spuren des Genusses. Foto: Liga

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