Wirtschaftliche Modelle profunder Nachhaltigkeit – Marktwirtschaft im Wandel
Die Vereinigung der Österreichischen Industrie und das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung haben auf Initiative von plenum - der Gesellschaft für ganzheitlich nachhaltige Entwicklung am 11. Mai 2011 Wissenschafter und Wirtschafter zum ersten von drei Veranstaltungsabenden von "Wissenschaft trifft Industrie - Das Drei hoch Drei der Nachhaltigen Entwicklung" eingeladen.
Impulsreferat von Dr. Franz Sinabell (WIFO Wien):
Werkzeuge für Modelle einer nachhaltigen Wirtschaft. Welche Erweiterung braucht Nachhaltiges Wirtschaften? Wie wird der Wohlfahrt / das Wohlbefindens eines Landes gemessen?
Die internationale Diskussion im Rahmen von "Beyond GDP" zeigt, dass das Bruttoinlandsprodukt kein ausreichender Indikator ist, um die Wohlfahrt eines Landes entsprechend zu erfassen. „Wir brauchen Ergänzungen, Erweiterungen und Verbesserungen und teilweise auch neue Konzepte. In unserem Forschungsprojekt sind wir angetreten, um eine Verbreiterung des Konzepts zu bewerkstelligen. Wir gehen nicht in die Breite sondern in die Tiefe. Wir machen sichtbar und auch messbar, wie Änderungen der Raum- und Landnutzung auf die natürliche Umwelt wirken. Dazu verlassen wir die nationale Ebene und gehen in die Fläche auf 1 km2. Gleichwohl stellen wir die Ergebnisse auf nationaler Ebene dar. In unserem interdisziplinären und transdisziplinären Team stellt uns vor allem die Frage wie wir Auswirkungen auf die Biodiversität sichtbar machen können vor große Herausforderungen.“.
M.A. Valentina Aversano-Dearborn (BOKU Wien):
Umgang mit der Schöpfung. Was können wir von klösterlichem Stiftswirtschaften lernen?
„Klöster sind nicht nur geistliche und kulturelle Zentren einer Region, sondern häufig auch mannigfaltige wirtschaftliche Mikrokosmen, die in vielerlei Formen mit einzelnen AkteurInnen und gesellschaftlichen Gruppierungen innerhalb ihrer Region in Verbindung stehen. Angesichts rapider Veränderungen im gesellschaftlichen Umfeld, aber auch in der Struktur und den Aufgabenfeldern der Klöster stellt sich das Projekt „Umgang mit der Schöpfung“ daher die Frage, wie sich klösterliches Leben und Wirtschaften heute gestaltet und ob bzw. wie wirtschaftliche, soziale und ökologische Herausforderungen mit geistlich-spirituellen Traditionen in Einklang gebracht werden.
Welche Optionen die eigenen geistig-spirituellen Grundlagen bieten und inwieweit der Nachhaltigkeitsgedanke reflektiert und umgesetzt wird, steht im Zentrum eines Forschungsprojektes.
In einer Zeit, in der der Verlust von über Traditionen vermittelten Sicherheiten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen wie Mäßigung und Bescheidenheit nicht nur zu einer Verunsicherung des individuellen und gesellschaftlichen Lebens, sondern auch zu den Krisen unserer Zeit beigetragen hat, stellt sich die Frage nach alternativen ethischen und zukunftsfähigen Wirtschaftsformen“.
Herr Dr. Knoflacher (Austrian Institute of Technology): future.scapes. Wie wirkt der Globale Wandel auf regionale Industriestandorte?
„Nichts ist konstanter als Veränderungen – mit dieser Aussage lassen sich die Entwicklungen in der Region Steyr, dem Untersuchungsgebiet des Projektes future.scape, kurz charakterisieren. Obwohl die Region – nach den gängigen Lehrmeinungen – keineswegs alle idealen Merkmale besitzt, ist sie seit mehr als hundert Jahren ein wichtiger Standort für Industriebetriebe. Für das Projektteam stellten sich deshalb gleich mehrere Fragen. Gab es schon in der Vergangenheit größere Veränderungen und wie wurde damit umgegangen? Welche Faktoren machen die Region für Industriebetriebe attraktiv? Wie begegnen die jetzt lebenden Generationen den Herausforderungen der Zukunft?
Für das Projektteam, aber auch für die Vertreterinnen und Vertreter der Region brachten die Arbeiten eine Reihe von überraschenden und spannenden Ergebnissen. Gleich bei den Vorbereitungen für den Partizipationsprozess wurde erkennbar, dass eine entscheidende Akteursgruppe zu keiner Mitarbeit an regionalen Entwicklungsszenarien bereit war. Dieser vordergründige Misserfolg lieferte aber wichtige Hinweise bei der Beantwortung der Fragen nach den besonderen Merkmalen der Region und ihren Kapazitäten zum Umgang mit zukünftigen Herausforderungen. In den partizipativen Prozessen kamen jedoch auch blinde Flecken der gesellschaftlichen Wahrnehmungen zu Tage, von denen einige durch die Arbeiten des Projektes beseitigt werden konnten“.
Herr Dr. Kappes von der OMV zeichnete ein Bild von den Gemeinsamkeiten und Gegensätzlichkeiten von Klöstern und der OMV. Einerseits zielen beide Unternehmen auf gesellschaftliche Nutzenstiftung ab, andererseits bestehen Unterschiede in Hinblick auf die wirtschaftliche Maxime (Bestandserhaltung vs. Profitmaximierung) und die regionale Einbindung der Unternehmen („Stabilitas Loci“ vs. Flexibilität und Standortwechsel im Zuge der Globalisierung).
Die Diskussion
Spannungsfeld „Profitmaximierung vs. Bestandserhaltung bzw. vs. maximale Nutzenstiftung in der Gesellschaft“
Man sich relativ einig, dass kleinere oder Familienbetriebe, die stark in die Region eingebunden sind, aufgrund anderer Notwendigkeiten des Überlebens eher darauf bedacht seien, an Morgen und an die Zukunft des Unternehmens und der Mitarbeiter zu denken und dafür auch bereit wären, etwas vom heutigen Profit zu opfern. Im Gegensatz dazu seien an der Börse notierte Großunternehmen eher am kurzfristigen, „heutigen“ Profit orientiert und hätten erfahrungsgemäß wenig Eigeninteresse an der Orientierung an der Zukunft.
Priorisierung der Ziele
In der Diskussion herrschte auch weitgehend Einigkeit darüber, dass die Priorisierung der Ziele innerhalb eines Unternehmens ganz stark die Entscheidungen beeinflusse. So erklärte z.B. Frau Aversano-Dearborn, dass Klöster nicht eindimensional an wirtschaftlichem Erfolg orientiert, sondern an der gleichwertigen Balance der 3 Nachhaltigkeitsdimensionen Wirtschaft, Soziales und Ökologie interessiert seien und dies auch aktiv leben. Herr Mag. Gahleitner aus dem Stift Klosterneuburg, Abteilung Wirtschaft, belegte diese Aussage anhand der Kontrollmechanismen des Konvents bzgl. Entscheidungen. Er selbst sei oft überrascht, dass der Konvent sich nicht selten gegen bestimmte Entwicklungen, Anschaffungen etc. entscheide, obwohl der daraus zu erwartende Profit sehr groß wäre. Dies veranschaulicht die Berücksichtigung der Gleichwertigkeit der drei Nachhaltigkeitsdimensionen und sei zurückzuführen auf die gelebten spirituellen Werte, die weit über rein wirtschaftliche Werte hinausgingen.
Herr Dr. Friembichler, Vorstand der Österreichischen Zementindustrie, betonte in diesem Zusammenhang den bevorstehenden Werte-, Gesinnungs- und Strukturwandel. Solange von der Gesellschaft rein wirtschaftliche Werte verfolgt würden (Erfolg, Prestige, Gewinn, etc.), sei ein Strukturwandel Richtung Nachhaltigkeit schwer zu initiieren. Er verweist auf die Bedeutung von neuen Visionen, Ideen und neuen Werten als notwendige Basis für gelungene Veränderungen. Welche Akteure und auf welche Art und Weise diese Akteure am erforderlichen Gesinnungswandel arbeiten können, bleibe allerdings für ihn noch offen.
Herr Prof. Hübner ergänzt diesbezüglich, dass sich die Bereitschaft zum Kurswechsel erst dann einstellen könne, wenn sich Unternehmen auch tatsächlich mit ökologischen und sozialen Problemen konfrontieren und sich davon berühren lassen. Solange keine (emotionale) Betroffenheit über den Zustand der Welt bestünde, würden Unternehmen sich kaum zu Änderungen motivieren lassen. Informationsdefizite über die Dringlichkeit der Abkehr von der bisherigen Art des Wirtschaftens bestünden laut Herrn Hübner generell in der Wirtschaft, ebenso die zu geringe, persönliche Konfrontation mit den Problemen unserer Zeit.
Wieviel Wandel ist notwendig und wie sehen Lösungen aus?
Die Notwendigkeit eines Wandels sei noch nicht im Bewusstsein der Wirtschaft angekommen, meint Herr Prof. Hübner. Ein rasches Handeln sei gefragt (in Anbetracht der weltweiten Übernutzung von 2/3 der Ökosysteme) und die Einigkeit über die Notwendigkeit des raschen Handels sei die Vorraussetzung für einen Kurswechsel. Solange wir uns nicht des Ernstes der Lage bewusst wären, sägen wir unaufhörlich den Ast ab, auf dem wir sitzen, die Natur. Herr Dr. Kappes von der OMV gibt zu, dass im Unternehmen im Hinblick auf Ziele und Orientierung wirklich noch Unklarheit besteht und das Vorangehen eher einem „Taumeln im Dunkeln“ gleicht. Er führt aus, dass zwar jeder weiß, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher, aber gleichzeitig großes Unwissen herrscht bezüglich eines geeigneten Rahmens – eines „modus operandi“ – mit dem ein gedeihendes, nachhaltiges Wirtschafts- und Gesellschaftsleben funktionieren könnte.
Herr Dr. Strigl bringt in diesen Kontext ein analoges Beispiel aus der Geschichte, das 2. Vatikanische Konzil, bei dem Kaiser Konstantin zwar nicht wusste, warum und mit wem er dieses Konzil einberufen möchte, aber klar war dennoch, dass die Art des Predigens wie sie damals herrschte - in Latein und mit dem Rücken zum Volk - nicht länger tragbar war und dass sich etwas ändern müsste. Herr Strigl betonte in seiner Ausführung die Analogie der gesellschaftlichen Transformation zur biologischen Metamorphose der Raupe zum Schmetterling. Nach einem chaotischen und „kriegsähnlichen“ Zustand im Inneren der Raupe – bedingt durch das ständige Entstehen und Gefressenwerden von neuen Imagozellen (Träger der „Schmetterlingsinformation“) durch alte Zellen – setze sich letztendendes die neue Information durch, in dem die „alten Zellen“ aufhören, die neuen zu bekämpfen.
Sanfte Revolution oder kollapsartiger Absturz
Herr Mag. Gahleitner meint, dass ein sanfter Turn, eine sanfte Revolution weitaus wünschenswerter sei als ein abrupter, kollapsartiger Absturz unserer Systeme. Dafür seien laut Herrn Dr. Knoflacher Feedbackmechanismen aus der Gesellschaft an die Unternehmen essentiell – im Gegensatz zum alleinigen Handeln nach vorgegebenen Regeln des Systems. Das Unternehmen muss flexibel auf gesellschaftliche Wünsche und Probleme reagieren können, d.h. Feedback und Rückmeldungen müssen möglich und die Systeme dafür offen sein. Ansonsten besteht die Gefahr der Überforderung angesichts der steigenden Komplexität der Systemausgestaltung.
Herr Prof. Hübner schließt sich der Diskussion zu möglichen Lösungswegen an und meint, dass es zuerst immer notwendig ist, die Frage des Wollens und der Ziele zu klären. Die Ziele sollen klar definiert und messbar sein. Erst in weiterer Folge kann man die Frage des Könnens, der Instrumente und Strategien, um diese Ziele zu erreichen, stellen. Dafür sei Methodenwissen erforderlich. Die derzeitige Art der Wohlstandsmessung reiche nicht aus, denn sie berücksichtige nicht die anderen relevanten Zustandsgrößen, mit deren Hilfe die Zielerreichung gemessen werden soll. Er verweist daher auf den ISEW (Index Sustainable Economic Welfare), der seit den 70ern fällt, während das BIP steigt. Dies zeige, dass Wohlfahrt unabhängig vom monetären (Volks-)Einkommen ist. Dass Lebensqualität eben weit über materiellen Wohlstand hinausgeht, meint auch Herr Haider (Borealis). Beispielsweise seien die ungeheuren Lebensqualitätseinbußen aufgrund eines mangelnden Zugangs zu sauberem Trinkwasser, wovon weltweit eine Milliarde Menschen betroffen ist, keinesfalls in wirtschaftlichen Kennzahlen (GDP) zu beschreiben. Um dieses Leid der Armen zu erfassen, seien Kennzahlen weit über den GDP (Beyond GDP) hinausgehend, erforderlich.
Stellung des Menschen innerhalb der Schöpfung?
Herr Dr. Knoflacher geht davon aus, dass der Mensch keinerlei Garantie besitzt, dass er auch in Zukunft weiterexistieren wird und betont dabei die Verwundbarkeit des Menschen, die er mit jeder anderen Art teilt. Die Ansicht, dass der Mensch die Krone der Schöpfung und deshalb unverwüstlich sei, wird generell in der Diskussion nicht geteilt. So meint auch Herr Mag. Gahleitner vom Stift Klosterneuburg dass die Überheblichkeit des Menschen endlich abgelegt werden müsse. Herr Maierhofer verweist auf das Bibelzitat „Machet euch die Erde untertan“ und interpretiert es folgendermaßen: Wir sollen uns mit der Erde beschäftigen, aber sie nicht zerstören. Herr Dr. Kappes ist der Ansicht, dass das Aussterben des Menschen bei unveränderter Art des Wirtschaftens lediglich eine Frage der Zeit sei.
Herr Dr. Sinabell betont die anthropozentrische Ausrichtung der wissenschaftlichen Projekte, denen folgende Annahme zugrunde liegt: Wenn wir als Menschheit überleben wollen, dann müssen wir Rücksicht auf die Lebensbasen, d.h. auf die Natur nehmen. An diesem Punkt gab es einige Wortmeldungen zur (ethischen) Rolle der Wissenschaft. Auch wenn letztlich die Gesellschaft entscheidet, welches Wissen weiterverwendet wird, so besäße der Wissende dennoch die Verpflichtung, sein Wissen verantwortungsvoll weiterzugeben (Herr Dr. Friembichler). Herr Dr. Knoflacher kritisierte in diesem Zusammenhang die geringere Finanzierung von Forschungsprojekten für die Gesellschaft als zum Beispiel von Projekten für einzelne Innovationsvorhaben.



