Wie nachhaltig sind unsere Banken?
05.07.2010: Sie sind gegen die Atomenergie und schockiert über die Ölkatastrophe am Golf von Mexiko? Wissen Sie eigentlich, was Ihr Geld so macht, wenn es nicht in Ihrem Börsel steckt?
Damit die Finanzmärkte in Zukunft wirklich nachhaltig agieren, bedarf es mehr Transparenz und Risikokontrolle und eine konsequente Ausrichtung an nachhaltigen Kriterien
Wenn bei den Banken von Nachhaltigkeit die Rede ist, geht es meist um soziales und kulturelles Engagement, um Initiativen im Umweltschutz oder um innerbetriebliche Maßnahmen für die MitarbeiterInnen. Hier gibt es zahlreiche hervorragende Aktivitäten. So unterstützt etwa die Erste Bank mit ihrem Projekt Vernetzte Welten die Arbeit von NGOs und die Bank Austria trifft sich regelmäßig mit Vertretern der Zivilgesellschaft im Nachhaltigkeitskreis zum kritischen Dialog. Raiffeisen engagiert sich für den Klimaschutz, die Volksbank bietet Projektfinanzierung für Erneuerbare Energie, die BAWAG P.S.K. gibt mit dem Neue Chance Konto Menschen die Möglichkeit, am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, die aufgrund ihrer Bonitätssituation kein Girokonto eröffnen könnten um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Belegt wird dieses Engagement in Nachhaltigkeits- oder Geschäftsberichten. CSR (Corporate Social Responsibility) hat Eingang in die Chefetagen und in das Selbstverständnis der Banken gefunden.
Die Nachhaltigkeitsbeauftragten am Wort
Eine Imagekorrektur ist nach den Turbulenzen der letzten Jahre auch dringend notwendig. Laut einer Studie der GfK vom Mai 2010 legen rund zwei Drittel der ÖsterreicherInnen Wert auf gesellschaftliches Engagement von Banken, drei Viertel erwarten, dass CSR an Bedeutung gewinnen wird. Die Ausrichtung der Werbung auf sozial und grün macht aus einer Bank allerdings noch lange kein nachhaltiges Unternehmen. Ob eine Bank nachhaltig ist oder nicht zeigt sich letztlich an ihrer Geschäftstätigkeit. Wo und wie werden die Erträge erwirtschaftet? In welchen Geschäftsfeldern und Ländern ist die Bank aktiv? Wie glaubwürdig und nachvollziehbar sind die angebotenen Produkte?
Nachhaltige Investments
Darunter könnte man als Laie Investitionen in Unternehmen verstehen, die im Bereich der Umwelttechnologie, erneuerbarer Energie, Bio-Lebensmittel und ähnlichen Geschäftsfeldern tätig sind und die besonders hohe soziale Standards in Bezug auf ihre MitarbeiterInnen einhalten. Wer allerdings einen Blick auf die Anlageprodukte wirft, was in Zeiten des Internets relativ leicht möglich ist, wird bei einigen Produkten ziemlich erstaunt sein, was hier unter dem Begriff nachhaltig zu finden ist. Pharma- und Chemieriesen wie Bayer, Novartis, Roche und BASF tummeln sich hier ebenso wie die Atomstromproduzenten E.on und Iberdrola oder die Ölkonzerne OMV und BP. Apropos BP: der Stammgast in den nachhaltigen Portfolios wurde erst mit 1. Juni 2010 vom Dow Jones Sustainability Index genommen, als die Katastrophe im Golf von Mexiko bereits mehrere Wochen in Gang war. Begründung: die Langzeiteffekte für die Umwelt und die lokale Bevölkerung, die wirtschaftlichen Folgen für das Unternehmen und die angeschlagene Reputation. In mehreren österreichischen Nachhaltigkeitsfonds war BP bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe nach wie vor zu finden.
Offensichtlich bringen Ölkonzerne Rendite zumindest so lange nichts passiert. Wenn man noch dazu bedenkt, dass die nachhaltigen Investmentprodukte der großen Banken lediglich zwei bis zehn Prozent des gesamten Investitionsgeschäft ausmachen, wird klar, dass der Weg für ein nachhaltiges Geldgeschäft oft noch sehr weit ist.
Die treibende Kraft auf der Suche nach nachhaltigen Investmentprodukten sind übrigens nicht die grün und sozial eingestellten Einzelpersonen, sondern in erster Linie institutionelle Anleger wie etwa Mitarbeitervorsorgekassen und Pensionskassen, die die Nachhaltigkeit in ihrer Geschäftspolitik verankert haben und daher entsprechende Produkte zur Veranlagung der Gelder einfordern. Die österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) hat 2009 ihr Nachhaltigkeitszertifikat gleich an sechs von neun Vorsorgekassen und an eine Pensionskasse vergeben.
Sparbuch und Girokonto
Kann ich bei einem Investment immerhin noch anhand der Portfolios die Produkte auswählen, die meinen Anlegerwünschen entsprechen, endet diese Möglichkeit der Mitsprache bei dem Geld, das auf meinem Sparbuch oder Girokonto liegt. Banken arbeiten ja grundsätzlich mit diesem Geld und vergeben es als Kredite. An wen, das bleibt ein Geheimnis. Ein wesentliches Bewertungskriterium für die Nachhaltigkeit
einer Bank ist daher die Transparenz des alltäglichen Geldgeschäftes. Und gerade hier ist die Branche auf höchste Diskretion bedacht.
Eine Ausnahme ist hier die deutsche GLS-Bank, die ihre Fühler auch nach Österreich ausstreckt und plant, im Frühjahr 2011 eine Filiale in Wien zu eröffnen. Unser Grünes Sparbuch garantiert, dass die angelegten Gelder ausschließlich an nachhaltige Kreditprojekte vergeben werden, z. B. an regenerative Energien, die Biobranche oder freie Schulen und Kindergärten, betont Christoph Lützel von der GLS-Bank. Um dies nachvollziehbar zu machen, wird in unserer Kundenzeitschrift und im Internet jeder vergebene Kredit penibel aufgelistet und für jeden Kunden nachvollziehbar.
Mit Nachhaltigkeit besser durch die Krise?
Die Finanzkrise ging natürlich auch an den nachhaltigen Investments nicht spurlos vorüber: ihre Wertentwicklung schwankte in der Krise vergleichbar zu konventionell gemanagten Fonds. Jene, die besonders strenge Nachhaltigkeitskriterien anlegten, konnten eine deutlich höhere Rendite erzielen.
Unternehmen, die Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in ihre Strategie einbeziehen, sind langfristig erfolgreicher als ausschließlich profitorientierte Unternehmen, ist Mag. Heinz Koschell, Leiter Private Banking im Bankhaus Schelhammer & Schattera, das im Eigentum der katholischen Kirche steht und sich ethischen und wirtschaftlichen Grundsätzen verpflichtet sieht, überzeugt. Eine erhöhte Arbeitsproduktivität durch ein positives Betriebsklima und ein gutes Produktimage führen zu Wettbewerbsvorteilen und damit zu überdurchschnittlichen Renditen. Darüber hinaus orientieren sich ethische Investoren nicht allein an einer klassischen Rendite-Risiko-Optimierung. Sie verfolgen auch einen nicht finanziellen, gesellschaftlichen Nutzen, was indirekt zu einer höheren Stabilität von Ethik-Fonds in Krisenzeiten beiträgt.
Reform der Finanzmärkte
Die Finanzkrise und die leeren Staatskassen haben eine Diskussion um neue Rahmenbedingungen für den Geldsektor entfacht. Die Palette reicht von einer Besteuerung der Banken und Geldgeschäfte (Finanztransaktionssteuer) bis hin zu Verboten von Spekulationsgeschäften und Leerverkäufen. Die Freude der Geldinstitute über eine Regulierung ihrer Geschäfte bzw. einer Stärkung der Finanzmarktaufsicht ist jedoch enden wollend. Zumindest sind alle großen Institute für vereinheitlichte, transparente Richtlinien. Eine Bankenabgabe oder Finanztransaktionssteuer wird ebenfalls im Bereich des Möglichen gesehen, das beigefügte nur im internationalen Gleichklang könnte man auch mit vielleicht am St. Nimmerleinstag übersetzen. Damit die Finanzmärkte in Zukunft wirklich nachhaltig im Sinne ökologischer und sozialer Verantwortung agieren, bedarf es jedoch mehr. Mehr Transparenz und Risikokontrolle und eine konsequente Ausrichtung an tatsächlich nachhaltigen Kriterien bei der Einstufung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen. Börsennotierte und staatsnahe Unternehmen sollen regelmäßig über ihren Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung nach einheitlichen Berichtsstandards informieren. Managergehälter und Bonuszahlungen sollen sich am Erreichen von Nachhaltigkeitszielen orientieren.
Vor allem Vorsorge- und Pensionskassen müssen als verantwortungsvolle Anleger Nachhaltigkeitskriterien einhalten. Damit nicht das passiert, was in Großbritannien heraufdröhnt. Dort sind eine Million Menschen direkt oder indirekt über ihre Pensionsfonds an die Geschicke von BP gebunden und müssen fürchten, dass ihr Anlegergeld in der Tiefsee untergeht.
Was eine Studie der Kepler Universität zur Nachhaltigkeit der oö. Banken sagt und wie die fünf größten österreichischen Banken im direkten Vergleich abschneiden lesen Sie in der LEBENSART Juli/August 2010. -> Bestellen
Links:
- Grünes Geld: Informationsplattform von Lebensministerium und ÖGUT für ethisch-ökologische Veranlagung.
- 7-Punkte-Checkliste für ein Gespräch zur Anlageberatung/Vermögensverwaltung. Von Oktober bis Dezember bietet die KSÖ den Lehrgang Geld und Ethik" für MitarbeiterInnen von Banken und unabhängige AnlageberaterInnen.
- 7 Punkte-Programm für einen nachhaltigen Finanzmarkt.
- CRIC: Größte Plattform ethisch orientierter Investor/innen (Corporate Responsibility Interface Center)
- Finanzportal des BMASK: Finanzdienstleistungen werden verständlich und interaktiv erklärt
Zum Weiterlesen:
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