"Millionen Menschen können leben, weil wir faire Produkte kaufen"
Christoph Petrik Schweifer, Auslandschef der Caritas, über den Skandal der absoluten Armut und die Notwendigkeit Menschen in Not zu helfen.
Was machen Sie, was macht die Caritas im Ausland?
Ich bin verantwortlich für alle Hilfsaktivitäten, die außerhalb Österreichs stattfinden. Hilfe darf aber nicht nur die Angelegenheit von einigen Spezialisten sein, sie muss breit von der Bevölkerung mitgetragen werden, z.B. von Schulen, Pfarren, engagierten Gruppen. Ein großer Teil unserer Arbeit läuft hier in der Zentrale, sehr viel davon aber auch in Diözesen.
Ziel unserer Arbeit ist es für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, den Skandal der absoluten Armut zu verändern. Alle haben wir vor über drei Jahren beim Tsunami mitgelitten und mitgeholfen. Aber kaum jemand weiß, dass so ein Tsunami wöchentlich stattfindet: 200.000 Menschen sterben pro Woche an Hunger! Eine Hilfsorganisation allein kann das nicht lösen. Wir setzen uns daher auch für eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen ein.
Weil wir begrenzte Ressourcen haben konzentrieren wir uns in unserer regelmäßigen Hilfe auf einzelne Schwerpunktländer. Dort arbeiten wir mit lokalen Organisationen zusammen und unterstützen deren Arbeit
Caritas August Sammlung: Warum sollen Menschen spenden?
Spenden sind ein unmittelbarer Ausdruck dafür, dass es mir nicht egal ist, dass es 250 Mio. Straßenkinder gibt; 1 Mrd. Menschen, die mit 1 $ am Tag auskommen müssen und 3-4 Mrd Menschen, die 2$ am Tag zur Verfügung haben. Die geben 70-80% des Einkommens für Nahrungsmittel aus. Wenn sich Nahrungsmittelpreise verdoppeln: 140% haben sie schlichtweg nicht zur Verfügung. Und das bedeutet Hunger. Oder im mindesten Fall, dass sie ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken können. Was das für die Zukunft bedeutet wissen wir. Die August Sammlung ist unsere zentrale Spendensammlung für Afrika, damit die Menschen Lebensmittel und Wasser bekommen.
Wie sieht Ihre Hilfe konkret aus?
Als Caritas arbeiten wir auf mehreren Ebenen. Es geht einerseits um Not- und Katastrophenhilfe. Wenn es eine Hungersnot gibt, muss man Menschen Nahrung geben, Gleichzeitig geht es auch darum zu überlegen, was mittelfristig notwendig ist, damit die Menschen wieder für sich selbst sorgen können. Das sind ganz unterschiedliche Maßnahmen. Wir stellen beispielsweise Saatgut zur Verfügung oder Mikrokredite für Frauen, die sich damit einen Stand kaufen können, um ihre Produkte verkaufen zu können. Eine der Ursachen für den Hunger ist die Spekulation. Die Bauern vor Ort trifft es dann am härtesten. Wenn die Ernte eingebracht wird sind die Nahrungsmittelpreise im Keller, wenn die Bauern später Saatgut kaufen müssen sind die Preise hoch. Mit Hilfe von Mikrokrediten werden kleinbäuerliche Strukturen gestärkt z.B. um den Bau eines Getreidespeichers zu ermöglichen. Dadurch werden die Bauern vom Preis unabhängiger.
Langfristig geht es darum, im Auge zu haben, dass viele Missernten, die Dürre mit den Folgen des Klimawandels verbunden sind. Diese Situation wird sich noch dramatisch verstärken. Der Kampf gegen den Klimawandel ist daher gleichzeitig ein Kampf gegen die Armut. Das ist eine der wichtigsten Aufgabe von Europa.
Warum ist die Situation der Menschen in Afrika so dramatisch?
Über vier Fünftel der Menschen in Afrika leben von der Landwirtschaft. Die Situation ist völlig anders als in Europa. Die Menschen erwirtschaften genau das, was sie zum Leben brauchen. Das macht sie krisenanfällig. Jede Missernte, eine unsichere politische Situation oder eine Preisänderung am Weltmarkt ist lebensgefährlich.
Wie stellt die Caritas sicher, dass mein Spendengeld auch ankommt?
Wir haben eine mehrstufige Vorgangsweise entwickelt. Einerseits soll das Geld hinkommen und es soll andererseits auch g'scheit verwendet werden. Wir arbeiten mit bewährten und verlässlichen Partnern zusammen. Mit ihnen wird vertraglich vereinbart, was geschehen soll. Es gibt einen regelmäßigen Kontakt und auch Besuch vor Ort, in dem beraten, unterstützt und überprüft wird ob das passiert, was wir vereinbart haben. Bei großen Projekten werden auch externe Wirtschaftsprüfer zugezogen.
Was kann man - außer zu spenden - noch tun?
Viel! Die aktuelle Hunger-Katastrophe ist ausgelöst worden, weil die landwirtschaftliche Entwicklung gerade in Afrika aber auch in anderen Ländern in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt worden ist. Die subventionierten Lebensmittel aus den USA und Europa sind zu Kampfpreisen nach Afrika verkauft worden. Der lokale Bauer musste teurer verkaufen als die importierte Ware gekostet hat. Politisch kann ich daher faire Wirtschaftsbeziehungen einfordern. Darüber hinaus kann ich fair trade Produkte kaufen. Fair trade Käufer sind verantwortlich dafür, dass mittlerweile schon Millionen Menschen von der Produktion ihrer Lebensmittel leben können!
Der Klimawandel wird alle stark treffen. Aber dort, wo die Produktion jetzt schon schwierig ist wird es noch schlimmer werden. Daher ist es wichtig, persönlich auf eine ökologische Lebensführung zu achten: die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, das richtige Heizungssystem installieren.
Es braucht mehr und bessere Hilfe: Die industrialisierten Länder haben sich verpflichtet 0,7% des BIP für Entwicklungshilfe auszugeben. 2010 sollen es in Österreich 0,51% sein. Da kann ich einem Politiker persönlich sagen, dass einem eine Verbesserung wichtig ist.
Warum sollen wir für ausländische Projekte spenden, wenn 1 Million Österreicher an der Armutsgrenze lebt?
Ich würde nicht nach der Staatsgrenze fragen. Die Frage lautet ob Menschen in Not sind. Wenn Menschen in Not sind sollen wir daran arbeiten, diese Not zu beseitigen. Das lässt sich nicht gegeneinander ausspielen. Meine Erfahrung ist: Es gibt Menschen, die sich von Not berühren lassen und die helfen überall.
Wie gehen Sie persönlich mit Ihrer heraufordernden Aufgabe um? Was fordert Sie und was motiviert Sie?
Das eine ist, du bist sehr viel mit Notsituationen konfrontiert. Die Situationen sind so erbärmlich, dass es manchmal auch schwierig auszuhalten ist. Das schöne ist, dass ich in allen Ländern besondere Menschen treffe, die Kämpfer sind, engagiert, die etwas tun, die kompetent und gscheit sind und hart an der Verbesserung arbeiten. Es ist ein Geschenk mit solchen Menschen zusammen arbeiten zu dürfen. Das wiegt das andere auf.



