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16.10.2009:

Das Selbermachen erlebt gerade eine Renaissance. Viele Menschen greifen zu Säge, Spaten oder Stricknadel. Eine kurzlebige Modeerscheinung? Eine nachhaltige Reaktion auf die Wirtschaftskrise? Oder steckt doch mehr hinter dem Wunsch das Leben in die eigenen Hände zu nehmen?

Foto: Istock
Menschen brauchen das Gefühl, etwas Sinnvolles bewirken zu können. Auch etwas herstellen, was Bestand hat, produktiv tätig sein, sich ein Stück Selbstversorgungskompetenz zurückerobern.

Links vor der Balkontür, da fehlt ein Stück! Ein Stück von dem Teppichboden, den der Raumausstatter gerade verlegt. Er hat falsch gemessen und wird das nun anstückeln müssen, was nicht wirklich gut aussieht. „Vielleicht ein Schlüsselerlebnis“, sinniert Ilse Königstetter, „ich habe mich sehr geärgert, denn das Ganze hat viel Geld gekostet. Die Teppiche in den anderen Zimmern hab’ ich dann jedenfalls selbst verlegt und zwar besser!“ Die Tipps dafür hat sie sich aus Broschüren geholt, aber auch von Freunden, die damit schon Erfahrung hatten. Königstetter: „Ich mess’ auch sieben Mal nach und bin viel genauer.“

Im Moment steht die Verlagsfachfrau gerade auf einer Leiter und malt das Badezimmer frisch aus. Eine hochwertige Farbe hat sie sich dafür aus dem Baumarkt geholt und die Hälfte des Raumes strahlt schon in neuem Glanz. Alles ist perfekt abgedeckt und abgeklebt. Morgen kommt das Wohnzimmer dran, da hilft eine Freundin, weil es alleine in dem großen Raum zu lange dauern würde. Ilse Königstetter ist 52 und es ist nicht die erste Wohnungsrenovierung, die sie selbst in die Hand genommen hat. Sie macht auch sonst vieles eigenhändig kleine Reparaturen, etwas anschrauben, was halt so anfällt in einem Haushalt. Über die Frage nach der Motivation muss sie nicht lange nachdenken. Geld sparen ist ein Grund, aber vielleicht noch wichtiger: „Die Zufriedenheit, wenn ich etwas selbst geschafft habe. Außerdem ist es ein gutes Gefühl, nicht auf andere angewiesen zu sein.“

Spaß und Unabhängigkeit
Das schätzt auch Werner Nöbauer am Selbermachen. „Es macht Spaß, gibt mir ein Gefühl der Unabhängigkeit und spart Geld.“ Der 33jährige Biologe hat gerade einen Korb mit Feuerholz in sein Wohnzimmer gebracht und stellt ihn neben den nagelneuen Kaminofen. Ein günstiges Angebot aus dem Baumarkt – und für den Anschluss hat Nöbauer selbst gesorgt. Dabei war das gar nicht so einfach, wie es zuerst ausgesehen hatte. Eigentlich war ja ein Kaminanschluss vorhanden, aber der Rauchfangkehrer befand, dass das Ofenrohr höher gesetzt werden musste. „Ich habe ein Loch in den Kamin gestemmt, dann einen Mauerstutzen eingepasst und alles wieder mit feuerfestem Zement verputzt“, erklärt der stolze Kaminofenbesitzer. Der Rauchfangkehrer war zufrieden und der Winter kann kommen.

Vom Hobby zum Lebensstil
Immer mehr Menschen entdecken, dass sie Ihre Hände nicht nur dazu benutzen können, eine Computertastatur zu bedienen. Handwerkliche Tätigkeiten erleben seit einiger Zeit eine Renaissance und werden gerade von Jüngeren für sich entdeckt: Es ist plötzlich trendy, sich selbst den Traumtisch zu tischlern, auch in der Stadt eigenes Gemüse anzubauen oder einen unverwechselbaren Schal zu stricken. Es boomen die Internetplattformen, auf denen Selbstgemachtes – vom T-Shirt über Taschen bis zu Schmuck und Möbel – auch verkauft wird. In zahlreichen Foren tauschen sich die „neuen Handwerker“ über ihre Erfahrungen aus und schreiben in Blogs von ihren Erlebnissen beim Stricken, Bauen und Sägen. Nicht zuletzt diese Verknüpfung von Internet und Handarbeit zeigt den Wandel im Image handwerklicher Tätigkeit. Es ist nicht nur die Lust am Gestalten, sondern auch eine Art „Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“, wie Holm Friebe und Thomas Ramge in ihrem Buch „Marke Eigenbau“ und auf der gleichnamigen Website schreiben.

Werner Nöbauer hat den Imagewandel nicht gebraucht, er ist schon lange ein Bastler im besten Sinn des Wortes. Seit Jahren repariert er nicht nur ausrangierte PC’s, sondern schraubt auch immer wieder an seinem alten VW-Bus herum. Den Motor hat er bereits ausgebaut, Radlager getauscht und Bremsen repariert. „Das ist wohl irgendwie meine Lebenseinstellung: Wenn etwas kaputt geht, wird es zerlegt und nach Möglichkeit repariert“, erklärt der gebürtige Oberösterreicher. Auch wenn bei seinem Hemd eine Naht reißt, näht er die selbst wieder zusammen, denn Nähen hat er als Jugendlicher in der Waldorfschule gelernt. Alles übrige hat er sich selbst beigebracht und zwar durch „learning by doing“ bzw. nach der Methode „Versuch und Irrtum.“ Scheu kennt er dabei keine.

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